Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Ein ungedruckter Brief von Caroline Herder an Garlieb Merkel
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 403 (sequence 1)
- Language
- German
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Ein ungedruckter Brief von Caroline Herder an Garlieb Merkel Mitgeteilt von Paul Michaelis Um den alternden Oberkonsistorialvizepräsidenlen Johann Gottfried Herder in Weimar war es einsam geworden. Goethe hatte sich ganz zurückgezogen, und auch zum Weimarer Hofe waren die Beziehungen fast gelöst. Kleinere Geister, die bei Goethe keinen Eingang fanden, wurden beim Ehepaar Herder freundlich aufgenommen. Zu ihnen gehört der Livländer Garlieb Merkel (1769—i85o), der in seiner Eitelkeit tief verstimmt war, weil Goethe ihn beim ersten und einzigen Zusammentreffen herablassend behandelt hatte. Erinnerungen an Riga, wo Herder von 1764—1769 gewirkt hatte, veranlaßten Merkel, sich eng an das Herdersche Ehepaar anzuschließen. Besonders Caroline Herder war von dem jungen Livländer, der in der deutschen Literaturgeschichte1) keinen guten Ruf genoß, begeistert. In einem Briefe an Gleim ist sie entzückt über den stillen, sanften Menschen, in dem eine Heldenseele sei. Nach dem Tode Herders (18. Dezember i8o3) nimmt Caroline Merkels Hilfe für die Herausgabe der Werke ihres Mannes in Anspruch. Denn wer konnte ihr, ihrer Meinung nach, eifriger zur Seite stehen, als der Parteigänger Merkel, der als Politiker, Literat und Journalist über große Beziehungen verfügte, besonders in Berlin, wo er seit 1800 lebte, in jüdischen Kreisen verkehrte und dort David Fried- 1 ä n d e r , den Führer der aufgeklärten deutschen Judenheit, kennen gelernt hatte. — Auf der Stadtbibliothek zu Riga (Lettland) befindet sich ein bisher ungedruckter Brief von Caroline an Merkel, worin sie ihn bittet, für die Werke ihres „Seligen" bei Friedländer zu werben und „unter den Edlen seiner Nation einige Teilnehmer und Subscribenten" zu finden. Der ungedruckte Brief, der auch sonst Interessantes aus dem literarischen Kleinstadtleben enthält, sei im folgenden vollinhaltlich wiedergegeben: Jena, den 18. November i8o4* Mein theurer, unvergeßlicher Freund! Ich habe nicht Wort halten und Ihnen aus Schneeberg 2), wie ich Ihnen in meinem letzten Briefe versprochen hatte, schreiben können — ich reiste beinahe tödtlich krank von Weimar ab und habe dort im Gebürg nur vegetieren und das Allernöthigste besorgen können. Ich bin seit vorigem Monath hier, und nachdem ich mich etwas erholt habe, kann ich'snicht mehr aufschieben Ihnen zu schreiben nach einer so langen Pause, und um Ihre fernere Güte und Theilnahme zu bitten. Ich habe Ihnen erzählen wollen, wie wir mit Frölich3) ausx) Richard M. Meyer nennt Merkel einen „ästhetisch mehr als rohen Pamphletisten", der in „persönlich-gehässiger" Opposition zu Goethe stand. (R. M. Meyer: Goethe, S. 492 u. 863.) Der Herderbiograph R. Haym bezeichnet ihn als „traurigen Parteigänger", dessen „hausbackener Verstand ihn zu jeder echten Schätzung ästhetischer Werke unfähig machte". (R. Haym: Herder nach seinem Leben und seinen Werken, II. Bd., S. 753, 754.) 2) Im sächsischen Erzgebirge, wohin Caroline nach dem Tode ihres Mannes reiste, um sich zu erholen. . 3) Frölich war Verleger und Freund Merkels. Im Verlage von F. erschien auch. Merkels Zeitschrift: „Der Freimütige oder Ernst und Scherz". 27* 403