Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 319 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen gelten mußten, für den dogmengeschichtlich Geschulten eine auffallende Ähnlichkeit mit den alten orthodoxen Spintisierereien. Heute ist die neudarwinistische Orthodoxie unserer Hochschulen annähernd wieder bei der Konstanz der Arten angelangt, die durch den strengen Mechanismus der Vererbung aufrecht erhalten werden soll, nur sind die Schöpferakte des alten Dogmas ersetzt durch seltene, blindlings und unerforschbar auftretende „Sprungvariationen", durch welche ruckweise, wie aus der Pistole geschossen, von Zeit zu Zeit neue Arten entstehen. Kein Wunder, daß die Orthodoxien von links und von rechts ihren Frieden miteinander gefunden haben. Denn ob erwählte, begnadete Rassen von Gottes oder von Zufalls Gnaden entstanden sind, bleibt sich praktisch gleich; Hauptsache: Rasse ist alles, Erziehung ist nichts. So liefert beute der biologische Linksradikalismus der politischen Rechten die Waffen und die Unduldsamkeit der neudarwinistischen Orthodoxie ist nicht geringer als die ihres politischen Verbündeten. Wer einen Einblick in die Kämpfe gewinnen will, dem können die beiden Bücher von .Kammerer warm empfohlen werden. Kammerer, seit Jahrzehnten ein weltbekannter, wenn auch scharf umkämpfter Biologe und experimenteller Forscher, ist heute noch Privatdozent in Wien. Der Laie braucht in dem Kampf selbst gar nicht Partei zu ergreifen. Denn selbst wenn keine erbliche Veränderung eines Organismus durch das Experiment sich hätte erzielen lassen, wäre damit die Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften noch nicht widerlegt, da die Natur für ihre Experimente eben ganz andere Zeiten und Massen zur Verfügung hat als der Mensch. Welche Fülle von positiven Ergebnissen die experimentelle Wissenschaft trotzdem zu erzielen vermochte, das findet man nirgends so gut zusammengestellt als bei Kammerer. Wer des in diesen Heften ausgesprochenen pessimistischen Glaubens lebt, daß eine Abwendung von der Rassentheorie erst in einem nicht mehr von den Naturwissenschaften beherrschten Zeitalter zu erwarten sei, wird aus diesen Büchern eines reinen Naturwissenschaftlers vielleicht doch frohere Hoffnung schöpfen. Von den wunderbaren Eingriffen des Experimentators in das Räderwerk eines Organismus haben die meisten Laien fast nur durch Steinach gehört; hier finden sie in leicht verständlicher Sprache eine Fülle anschaulicher Berichte über Arbeit und Erfolge der experimentellen Biologie, und wer für die Wunder der Schöpfung Literesse hat, wird es auch den Wundern der Neuschöpfung nicht versagen. Julius Schäffer. C F. Lehmann-Haupt: Israel. Seine Entwicklung im Rahmen der Weltgeschichte. I. C B. Mohr, Verlag, Tübingen 1911. 344 S. Brosch. 6 Mk., geb. 8 Mk. Ein nicht mehr ganz neues, aber wie beim Erscheinen lesenswertes Buch. Einzelheiten mögen als abwegig abzulehnen sein, so z. B. der Versuch, die psychologischen Voraussetzungen des Estherbuches in Verbindung zu bringen mit dem angeblichen Wunsche der Juden, die jüdische Prinzessin Berenike, die Geliebte des Titus, zur rechtmäßigen Gemahlin und Kaiserin erhoben zu sehen; die Gesamtdarstellung ist fesselnd und aufschlußreich. Der Angelpunkt des Buches ist der Nachweis dessen, wie alle Schicksale des jüdischen Staates bestimmt sind aus der Schlüsselstellung Palästinas zwischen Ägypten und Vorderasien, eine Feststellung, die heute wieder von einem brennenden Gegenwartsinteresse ist. Das Buch gibt gleichzeitig .einen guten Einblick in die assyrische, babylonische und ägyptische Geschichte und in die politischen Verhältnisse Vorderasiens. Nicht ganz richtig ist die Bemerkung, daß im alten Testament keine Erinnerung an ein ägyptisches Regiment in Palästina erkennbar ist; deutlich allerdings nicht, aber daß in der Völkertafel I. B. M. Kapitel 10 Kanaan und Ägypten gemeinsam als hamitisch bezeichnet werden, ist der Niederschlag dieser Erinnerung. Dienemann. Dr. L. A. Rosenthal: Gesammelte Schriften. Heftl. 119S. Berlin 1926. Louis Lamm, Verlag. Eine Sammlung von Aufsätzen und Reden aus verschiedenen Jahren, von denen einzelne, wie z. B. die Rede „Deutsche und Juden (Eingangsvortrag im Zentralverein 189$)" und der Aufsatz „Hillel und die Rabbiner" leider auch heute noch aktuell sind, weil die in ihnen behandelten Fragen auch heute noch in unserem Abwehrkampf eine Rolle spielen. 319