Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 318

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
[Rezension]
Date
1926-08-01
Page
318 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896995--01247-2897130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Besprechungen die einem bestimmten geistigen Verlangen entsprechen: die Lebens Wirklichkeit mit geistigen Mitteln zu ergreifen, darzustellen, zu ordnen. Nicht kritisch - analytisch die Bedingung, Grenze, Elementarfunktion des Lebens, sondern das Leben selbst. Dabei treten immer wieder Merkmale zutage, die bezeichnend sind für einen ganz bestimmten Habitus solchen Bemühens, für einen Konsensus (oft unausgesprochen) von mancherlei auseinanderliegenden Schriftstellern. Das erste ist, daß man -den Menschen wieder zum Maße der Erkenntnis macht, die den Menschen angeht: nicht der Mensch als Spezies der Zoologie, die Gesellschaft als Exempel der Arithmetik, die Kultur als Resultante von Geist, sondern all dieses ab Äußerungen des Menschen als einer Kreatur; als begrenzter, nicht grenzsetzender; als leidender und kämpfender, nicht willkürlich sich bestimmender; als geschaffene, verantwortliche, lebende, schwache und liebende Kreatur. — Diese Wirklichkeit des Menschen, und dies ist ein zweites Merkmal, kann nicht in einem objektiven Bilde erfaßt werden, kann nicht in dem subjektiv-psychologischen Innenleben, nicht in dem transzendentalen Ich stecken: die Wirklichkeit wird vom Menschen erlebt und eine Aussage über sie ist selbst ein Lebens Vorgang; weder objektiv richtige noch subjektiv aufrichtige Aussagen können die Lebenswirklichkeit treffen, ein kritisches Prinzip führt an dieser Wirklichkeit vorbei und man kann eigentlich nur an der Lebendigkeit der Aussage als lebendiger Mensch die Wahrheit erkennen: das Lebendigwahre bestätigt sich selbst, unkritisch zwar, aber gewiß. — Jede lebendige Selbbestätigung des Lebens ist daher eine Entsprechung zweier Lebendiger. Goethes Wort von der Sonnenhaftigkeit des die Sonne blickenden Auges ist so das Beispiel einer ontologischen Grundwahrheit über alles, was Gemeinschaft heißt, das Urphänomen aller soziologischen Phänome: Befehlen und Gehorchen, Sprechen und Hören, Kunstschaffen und Kunstgenießen — sie alle sind urphänomenale Entsprechungen, nicht „Wirkungen". Das Individuum ist eine abgeleitete Abstraktion, keine ursprüngliche Wirklichkeit und Rosenstocks Buch ist ein neuer Versuch von hier aus eine Soziologie zu bilden. Es ist ein — in diesem Band in erster Hälfte vorliegender — Versuch einer neuen methodischen Bewältigung des Gegenstandes. Jede wirkliche Gegenwart zerfällt dabei (notwendig) in eine vierfache Potenz: ein Innen, ein Außen, ein Vorwärts und ein Rückwärts, also in die raumzeitlichen Wirklichkeiten. An die Stelle eines dreigliedrigen logischen, kategorialen, dialektischen Systems tritt die jeweilslebendige Kreuzung dieser vier Wirklichkeiten in der Gegenwart, in der allein der Ernst der Entscheidung zugleich die Wahrheit der Aussagen meßbar, kritisierbar macht, von dem aus allein die Wert- und Wirklichkeitsmaßstäbe an Lebenserscheinungen angelegt werden können. Und sie werden ganz positiv und sogar gewaltsam angelegt. Von allen Lebensphilosophien unterscheidet sich daher dieser Versuch als ein wesentlich didaktischer, erzieherischer. Nicht konstruktiv, nicht metaphysisch, nicht kategorial und zugleich phänomenologisch wie etwa Guardini, auch nicht das Wandelbarlebendige und doch' Gesetzliche im analytischen Apercu erhaschend, wie Nietzsche oder Simmel, sondern eigentlich lehrhaft (in der Tendenz, nicht im Stil) und ausbildend durch einen vom Erzieher nicht vom „reinen" Denker, durch einen vom Therapeuten nicht vom Pathologen her gebildeten Wahrheitsbegriff; einem Wahrheitsbegriff der eigentlich in Kants praktischer Vernunft wurzelt. Möge die zeugende Kraft dieses Buches nicht zerstreut werden und aus unerwiderter Liebe verdorren. Viktor v. Weizsäcker. Dr. P. Kammerer: Das Rätsel der Vererbung, Grundlagen der allgemeinen Vererbungslehre. Verlag Ullstein. Neuvererbung, oder Vererbung erworbener Eigenschaften, erbliche Belastung und erbliche Entlastung. 44 Abb. W. Seifert, Verlag, Stuttgart-Heilbronn. Noch vor einem Menschenalter gab es keine schärferen Gegensätze als konservative Orthodoxie und den mechanistischen Darwinismus Weismann'scher Observanz, der die Entwicklung und Vervollkommnung der Lebewesen einzig und allein durch zielloses Variieren der Keime und die Ausmerzung des Minderwertigen durch den Kampf ums Dasein erklären wollte, und jede Mitwirkung seelischer Faktoren leugnete, ebenso jede erbliche Übertragung von Eigenschaften, die der elterliche Organismus im Lauf des Lebens erworben. Dabei hatten die überscharfen Weismann'schen Theorien über Dinge, die noch als völlig unerforscht 318

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.