Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 317

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
[Rezension]
Date
1926-08-01
Page
317 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896994--01244-2897129
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Besprechungen einer zahlreichen Nachkommenschaft durch viele Mütter werden kann) verwirklichen können, so ist er überzeugt, daß die Obrigkeit nicht selten unbequeme Menschen zu Schwachsinnigen stempeln, als bevorzugte Erzeuger aber Staatsmänner, Geistliche usw. ansehen wird. Begründet sind nach Russell diese Entartungen durchaus im Wesen der wissenschaftlichen Kulp tur, die einseitig intellektualistisch ist. „Wissenschaft ist kein Ersatz für Tugend", und neben dem guten Kopf ist ein gutes Herz vonnöten. Die Güte muß der Wissenschaft vorangehen, denn die Erkenntnis wird von der Möglichkeit, die Welt zum Guten hinzulenken nur Gebrauch machen, wenn sie das Gute will. Besorgnis um den Untergang unserer Kultur ist der Ausklang des Buches. Vielleicht könnte ein neues Weltreich (etwa die Vereinigten Staaten) Rettung bringen, aber das Beispiel des römischen Imperium mit seiner Sterilität schreckt, so daß der Untergang vielleicht vorzuziehen ist. Ikarus, der gescheiterte Utopist, symbolisiert unser Zeitalter der wissenschaftlichen Kultur. Schiller, der Tantalus' Namen mahnend erklingen läßt, ist dennoch weniger pessimistisch als Russell. Zwar malt auch er schwarz in schwarz. Die Menschheit ist nicht vorwärts gekommen. Geburtenbeschränkung, Absterben immer der differenziertesten Schichten, mangelnde Auslese wirken der Qualität und vermutlich künftig auch der Quantität entgegen. Die wissenschaftlichen Jnstitute sind dem wahren Wissen, der Weisheit, durchaus schädlich, ersticken echte Geistigkeit wie die Kirchen die Religiosität. Aber er hat doch eine Hoffnung für die wissenschaftliche Kultur: vielleicht könnte eine wirklich erfolgreiche psychologische Forschung — die es freilich noch nicht gibt — unsere bisherigen Mängel ausgleichen. Möglicherweise würden wir dann unseren Platz in der Welt erkennen, der weder Festgenosse als an der Seite der Götter, wie Tantalus wähnte, ist, noch in der Tierreihe. Die knappe Angabe des Inhalts gibt keine Vorstellung von der lebendigen, sehr reichen und durchaus anschaulichen Art der Gedankenführung. Diese drei kleinen Bände verdienen schon um dessentwillen eine auf merksame Lektüre, weil sie sehr bezeichnend für die engliche Geistigkeit sind. Diese liebt Lebensnähe, safterfüllte Sprache und gedrängte Darstellung. Die Neigung zu etwas paradoxer Prägung, eine gewisse gewaltsame, jedenfalls sehr eigenwillige Diktion gewährt dem Leser großen Reiz. Die Mischung von Nüchternheit und Phantasie fesselt stark. Wir kennen in Deutschland kaum eine in der Tendenz so ernste Gedankenarbeit mit so viel sprudelnden Einfällen. Bei uns gibt sich eine ähnliche Untersuchung viel gravitätischer — wenn sie in der Tendenz so ernst ist — oder viel ironischer. Es ist bemerkenswert, daß alle drei Autoren in der Geringschätzung der zeitgenössischen Staatsmänner und ihrer Politik einig sind. Oskar Wolfsberg (Berlin). Eugen Rosenstock. Soziologie I. Die Kräfte der Gemeinschaft 1925. Für einen Kritiker, Fachmann oder Spezialisten wäre es wahrscheinlich eine Kleinigkeit und sicher ein Genuß, dieses Buch in aller Regelrechtigkeit zu zerpflücken. Auch der gebildete Laie ahnt, daß das möglich sein könnte. Aber dieser hypothetische gebildete Laie ist oft ein Mensch, der noch etwas anderes ahnt: daß ein „einwandfreies und rein wissenschaftliches" Buch auf gewissen Gebieten heute zwar gemacht werden kann, aber auf Kosten der Wahrheit. Ein künstliches Wegsehen von den Erschütterungen und den eigentlichen Ernsthaftigkeiten und Wirklichkeiten muß erst hergestellt werden, damit man so einwandfrei, so rein wissenschaftlich schreiben kann. Dieser hypothetische Laie spürt aber die künstliche Kälte. Er ist derselbe, welcher beim Lesen dieses Buches etwas anderes spürt, nämlich daß er, der Leser, vom Schreiber geliebt wird, natürlich und aufrichtig. Ein Patriot der Welt hat die Sorglosigkeit und Unbekümmertheit gehabt, sich und die Welt so darzustellen wie sie eben leider sind. Ein solches Buch wird mit Millionen anderen nicht in die Weltliteratur übergehen, es wird mit diesen Millionen über lang oder kurz verstauben. Aber es ist nicht mit Staub schon auf die Welt gekommen wie all zu viele Schicksalsgenossen, es ist lebendig wie ein Mensch und hat den Adel und die Ehre des Menschlichen. Es ist ein Buch gegen die Verstocktheit und die Gedankenlüge. Es wendet sich nicht an „Fachgenossen" sondern an jeden Empfänglichen, es ist kein Forschungsergebnis sondern eine Lebenserfahrung. Aber es ist doch noch wesentliches mehr. — Trotz allen Einspruches der kritischen Philosophie mehren sich Bücher, 317 21

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.