Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 110 (sequence 1)
- Language
- German
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Besprechungen. Rudolf Kittel, Gestalten und Gedanken in Israel. Geschichte eines Volkes in Charakterbildern. X, 524 S. Quelle & Meyer. Leipzig ig25. Der Verfasser des vorliegenden Werkes hat durch seine zahlreichen teils streng wissenschaftlichen, teils gemeinverständlichen Werke längst einen klangvollen Namen weit über den Kreis seiner Facligenossen und weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Beruht sein Ansehen in der Gelehrtenwelt vor allem auf seiner Ausgabe des Urtextes des Alten Testaments und seiner durch besonnene Kritik ausgezeictineten Geschichte des Volkes Israel, so hat er auf eine noch viel größere Gemeinde von Lesern anregend und aufklärend gewirkt durch seine Schriften über „die alltestamentliche Wissenschaff' und „die Religion des Volkes Israel". Das heute zur Besprechung stehende, auch äußerlich vornehm ausgestattete Werk ist zwar in erster Linie für den weilen Kreis von Gebildeten bestimmt, bietet aber namentlich in den Noten auch dem Fachmann manches Neue. Kittel versucht hier, den Geschichtstoff in 17 Kapiteln darzustellen, von denen jedes ein in sich äußerlich abgeschlossenes Ganzes bildet. Dieselben gruppieren sich — und das ist nun das methodisch Bedeutsame — um die Hauptgeslalten, um die „starken Persönlichkeiten", die nach Meinung des Verfassers die Geschichte im eigentlichen Sinne machen, während die Masse unter der physischen und geistigen Diktatur weniger Einzelner steht. Die gleiche Meinung ist zwar auch schon von anderer Seito ausgesprochen worden, man denke z. B. nur an die Einleitung von Henry George zu seinem hinreißenden Vortrag über Moses. Trotzdem bleibt Kittel ein großes prinzipielles Verdienst. Er hat diese Betrachtungsweise einmal konsequent durchgeführt und uns die großen Gestalten der alttestamentlichen Geschichte in Einzeldarstellungen nahe gebracht, so daß wir aus ihrer Betrachtung ein Bild von den Hauptlinien der geschichtlichen und speziell religionsgeschichtlichen Entwicklung gewinnen. Dadurch wird das Interesse des Lesers dauernd wach erhalten und treten die einzelnen Züge des Bildes viel klarer und plastischer hervor. Freilich kommen dadurch manche wichtigen Seiten der Religionsgeschichte nicht zur gebührenden Gellung. Sind ja durchaus nicht alle religiös bedeutenden Individuen zugleich auch Kraftmenschen im Sinne von Kittels „starken Persönlichkeiten". So kommen die Psalmisten, die ebenso als Zeugen wie als Quellen religiösen Lebens eine so große Rollo spielen, und der Verfasser des Buches Hiob nicht zu ihrem Rechte, wie denn überhaupt der ganze dritte Teil des Kanons nur durch Esra und Nehemia vertreten ist. Trotzdem haben wir allen Grund, für das Gebotene dankbar zu sein. Über seinen nächsten Zweck hinaus kann das Buch auch erzieherisch wirken in unserer Zeit, die die Macht anbetet und die religiös-sittlichen Kräfte nicht anerkennen will. Dieser modernen Anschauungsweise gegenüber betont Kittel mit Nachdruck, daß das Letzte und Höchste der Geschichte darin liege, die Seele der Menschen und der Völker zu verstehen. Das kommt besonders schön und überzeugend in dem Kapitel über die „Großen Erzähler" zum Ausdruck (spez. S. 10/» ff.). Manche bedeutsamen Streiflichter fallen auch auf die Gegenwart mit ihrem erschütternden Erleben, besonders in dem Nachwort (4S2 ff.), das gegenüber den niederdrückenden Erscheinungen unserer Zeit sich doch den Glauben an den Sieg des Guten in der Menschheit nicht rauben lassen will. Das religiös-politische Bekenntnis des Verfassers ist schön zusammengefaßt in nachstehenden Worten (S. 281): tio