Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 43 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Goethe und die Juden Von Julius Bab L Nicht ohne ein tiefes Unbehagen und ein sehr ernstes Zögern wird in die Erörterung dieses Themas eintreten, wer durchdrungen ist von dem Bewußtsein, daß wir in Goethe mehr als einen großen Dichter, als einen vielseitig bedeutenden Geist zu ehren haben — daß es sich um einen Typus neuen Menschentums handelt, der seit einem Jahrhundert mit langsam wachsender Vorbildgewalt die Menschen ergreift, um sie mit einem neuen Verbindungsgefühl, einer neuen Religiosität, dem Weltganzen als schöpferische Kräfte einzuordnen. Wer so die höchste Würde der Goetheschen Erscheinung begreift, wer das Geheimnis ihrer nie völlig auszusprechenden, nur immer neu zu umschreibenden Einheit ahnt, der muß sich wohl scheuen, aus dem Gesamtbild dieser großen Lebenshaltung eine einzelne Beziehung herauszureißen, und sie in das immer trügerische Licht isolierter Betrachtung zu setzen. Und noch dazu eine Beziehung, die mehr als jede andere den parteiischen Betonungen aufgeregter Tagesleidenschaften unterworfen ist, und bei deren Darstellung deshalb immer wieder die Gefahr droht, das Goethesche Werk aus der überzeitlichen Höhe seiner menschenbildnerischen Bedeutung herabzuziehen und als Argument in leidig aktuellen Debatten zu mißbrauchen. Indessen bleibt uns, sofern wir nämlich als Deutsche und Juden und vor allem als zum innerlich Besten unserer Epoche strebende Menschen die unvergleichlich hohe Autorität Goethes anerkennen, leider gar keine WahL Die Dinge hören keineswegs auf, wahr und wirksam zu sein, weil sie banal sind, und das kindliche Argument, daß „der andere angefangen hat", ist dennoch 43