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Der Morgen · 1926-02-01 · Heft 6 (Februar 1926) · p. 717

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 6 (Februar 1926)
Article
Historische Romane [Rezension]
Date
1926-02-01
Page
717 (sequence 2)
Language
German
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Besprechungen bensgenossen ihn allenthalben als den Erlöser und den Messias enthusiastisch feierten. In Lissabon wurde der Mariane Diego Pires, ein schöner, geistvoller, schwärmerischer Jüngling, von Reubeni so bezaubert, daß er Staatsamt, Freunde und Familie aufgab, zum Judentum zurückkehrte, als kabbalistischer Visionär durch die Länder zog, in Adrianopel, in Safet einer begeisterten Zuhörerschaft predigte. Als Reubenis Mission scheiterte, kehrte er zu ihm zurück, wanderte mit ihm nach Regensburg, um dort den deutschen Kaiser Karl V. für die Pläne zu gewinnen. Statt dessen ließ der Kaiser beide fesseln; Salomon Molcho, wie sich Pires als Jude nannte, wurde i532 verbrannt, Reubeni starb im spanischen Kerker. Diese Talsachen werden auch im Roman erzählt. Frei erfunden ist nur die Schilderung von Reubenis Jugend, den Brod im Prager Ghetto aufwachsen läßt. Und diese Schilderung des Prager Judenviertels ist wohl das wundersamste an diesem wundersamen Buche. So meisterhaft auch die ganze glühend«, glänzende Renaissancewelt gezeichnet ist, das Rom der Humanisten und Künstler, Michelangelos und Macchiavells, Aretins und des Medicäers Clemens VII-, die Inselrepublik des heiligen Marcus, das Spanien und das Portugal der Marranen und der Inquisition, das Deutschland Luthers und Karl V., ans Herz greifen doch am meisten diese armen Menschen des Ghetto mit ihren schnellen, übergroßen, fast hinstürzenden Schritten, immer in Eile, immer in Angst, immer im Streit, immer in Ungeduld und in Unruhe, „um der Sünde ihrer Väter willen". Da ist der Vater des Reubeni, der heilige, reine Thoraschreiber, der immer lernt, der nur in der Sabbathnacht im Bette schläft, der nichts tut, was nicht Erfüllung eines Gebotes wäre. Da ist die fleißige, stille, kleine Mutter, deren Alteisenkram die Familie ernährt. Da ist der „hungrige Lehrer", der verbotene Bücher liest und von Ländern und Wundern weiß, die dem Ghetto versperrt sind. Da ist der verrückte Torhüter, der rothaarige, riesenhafte Gerson, der in seiner 7. Wiedergeburt Ascher Lämlein, der Messias, war, da ist der mächtige Vorsteher, der seine Gemeinde beherrscht und vor dem Burggrafen und dem Könige sich erniedrigt. Und in dieser kleinen Welt wächst der schweigsame, nachdenkliche Knabe auf, der sich im Gebet und Buße nicht genug tun kann, dem niemand rein, niemand fromm genug erscheint. Im Gefühl des Gezeichnetseins, des Auserwähltseins zu einer großen Aufgabe, quält ihn das geheimnisvolle Schicksal seines auf Erlösung harrenden Volkes. Man könnte den Roman Max Brods auch das Epos der Sünde nennen. Denn sie ist das große Problem, das das Buch durchzittert. Kann man Gott dienen auch mit dem bösen Triebe? Sind die Juden nicht deshalb in der Verbannung, weil sie feige sind, weil sie Angst haben vor der Sünde? Sind sie nicht Sklaven geworden, weil sie keine Raubtiere sind? Sind die andern Völker nicht deshalb mächtig, weil sie sündigen können, d. h. töten, erobern, entdecken, unterwerfen? Und als dann seine eigene Sünde, seine Liebe zu dem schönen Christenmädchen, das ihm die Verkörperung der elementaren, der sinnenhaften, der sorglosen, der heidnischen Welt erscheint, zum Guten ausschlägt, als diese unheilige Liebe die Prager Gemeinde vom Untergang errettet, verläßt er bewußt den Weg der Tugend und der Buße. So wird er zum Reubeni, zum Sar und Fürsten, der durch Tat und Krieg, durch List und Gewalt, durch Diplomatie und Lüge erreichen will, was jahrhundertelanges Beten und Leiden nicht erreicht hat. Denn „unsere Krankheit ist so ungewöhnlicher und grausiger Art, daß man nicht hoffen darf, sie ohne Anwendung ungewöhnlicher und grausiger Mittel zu heilen". Deshalb will er die Juden zu einem Volke von Kriegern machen, um ihnen im eigenen Lande Mut und Freude an der Gefahr zurückzugeben. „Wehrlosigkeit bedeutet Gehaßtwerden und Wiederhassen, somit das Maß des Zornes in der Welt vermehren und das Kommen des Friedensreiches immer weiter hinausschieben." Schon ist er nahe dem Ziele, da strauchelt er und schwankt. Molcho, der Reine, der Wahre, der Unbestechliche, der Vollendete kreuzt seinen Weg. Und siegt überall durch die Kraft seiner Liebe, seines Glaubens, seiner Wahrhaftigkeit. Und besiegt mit der Glut seines Gefühls das kunstvolle Werk eines eisernen Willens, einer klugen Diplomatie. So scheitert der Sar: da er |Zum ersten Male sein Herz einem andern ergibt, zum ersten Male seine harte Zielsicherheit und seinen nüchternen Verstand seiner Seele zum Opfer bringt. Aber der äußere Mißerfolg bringt den inneren Sieg und die Gewißheit der Erlösung. Da er sich hingibt einem andern, da er „die Last seines gebieterischen, immer wieder Zwang gegen sich, Verstellung, künstliche Umwege verlangenden Ichs" abschüttelt, beginnt „der Same der Ewigkeit" in 717

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