Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Ein Brief David Friedländers an Moses Moser
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 373 (sequence 4)
- Language
- German
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Ein Brief David Friedländers an Moses Moser. 373 Führt das Tischgespräch auf den Gefeierten und seinen philosophischen Charakter, so erzählen Sie Ihrem Nachbaren folgenden, Ihnen gewiß bekannten, Zug seines Privatlebens. M. ging mit Professor Engel1) im sogenannten Lustgarten in Berlin lustwandelnd auf und ab. Ein berauschter, seinem Dialekt nach, polnischer Soldat bleibt, mit an der Seite gestemmten Armen stehen, und stößt die gemeinsten Pöbelworte gegen den pucklichten Juden aus. Da darauf nicht geachtet wird, geht er den Männern nach, und ist, nach Stellung und Handbewegung im Begriff, den kleinen Mann, mit wiederholten Schimpfreden am Ohrläppchen zu ziehen. Engel darüber empört, und der zur Rechten M/s. gehet, hebt seinen Stock auf, um den Unverschämten tätlich abzuwehren. Aber der gleichmütige Weltweise fällt ihm schnell in den Arm. »Nicht doch! Freund, lassen Sie dem unglücklichen Sklaven die Freude, einen Juden ein wenig necken zu dürfen.« Engel konnte den Vorfall nie ohne Rührung erzählen. »Den liebreich ironischen Ton des edlen Mannes — setzte er hinzu — kann ich nicht nachmachen.« Sagen Sie mir, mein wackerer Mann, wenn P1 u t a r c h uns diese Anekdote von einem griechischen Philosophen erzählt hätte; würden wir sie nicht mit wehmütiger Liebe anhören? . Erhalten Sie mir Ihre wohlwollenden Erinnerungen und sein Sie meiner wahren Achtung und Ergebenheit versichert. Charlottenburg, Mittwoch Abend, und in Eile, den 9-ten XHbr. 29. F d r. J) Joh. Jakob Engel, Prof, am Joachimstaler Gymnasium in Berlin