Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Problem der jüdischen Sittenlehre
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829727-2829737-2882194--29487-2882220- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Problem der jüdischen Sittenlehre. 393 rismus geziehen werden könnte. ״Wir nehmen die Wahrheit an von dem, der sie gesprochen.״ Nach dieser Lehre ist unser Gesammtgeist allezeit verfahren. Und wie Philo als Grieche denkt und fühlt, so schreiben im Mittelalter unsere Philosophen ihre heiligen Bücher in der arabischen Sprache. Wie könnten wir Modernen, zumal ein deutscher Mann, unsern religiösen Gesammtgeist constituiren wollen, indem wir die dentsehe Geisteswelt nur für unseren Stil als Quelle anerkannten? Und wenn wir in allen geistigen Fragen als Deutsche denken, wie wir allgemein seit Moses Mendelssohn es thun, sollten wir den deutschen Geist nicht auch in unserem Glauben als einen den Inhalt desselben mitbestimmenden Faktor anerkennen dürfen und anerkennen müssen? Der christliche Gedanke erscheint anders im deutschen Volke als bei den Romanen: aber inunsenn Judenthum sollte der Geist von Lessing und Herder, von Leibniz und Kant, von Schiller und Goethe ohne Einfluss geblieben sein? Nein. Es verhält sich hoffentlich auch bei dem Verfasser nicht anders. Wir weiden es sehen. Aber dass er es nicht weiss, und nicht Wort haben will, das ist nicht nur eine persönliche Verirrung, das ist ein methodischer Fehler. Denn dieser Irrthum betrifft das Verhältniss des Buches zur allgemeinen Philosophie. Das Buch will eine ״ systematische Ethik״ sein. Und eben eine solche soll bisher noch nicht dagewesen sein. Systematik wird zwar als Ausdruck gebraucht für jede Ordnung von Begriffen, insbesondere auch für die Classifikation der Naturformen, deren Aufgabe der Inhalt der beschreibenden Naturwissenschaft ist. Auch ganz allgemein kann man jede Ordnung von Gedanken, die von einem bestimmten Eintheilungsgrunde geleitet wird, Systematik nennen. Aber das ist nicht der technische, weltgeschiehtliehe Sinn der philosophischen Systematik. Nach diesem ist die Ethik s}rstematisch, sofern sie einem System der Philosophie eingegliedert ist. Welchem System der Philosophie gehört nun die systematische Ethik des Judenthums an? Das Judenthum ist kein System der Philosophie, und will und kann keines sein. Ein System der Philosophie, fordert als erstes Glied die Logik, als die Logik der Wissenschaft. Das Judenthum hat keine Naturwissenschaft. Daraus allein folgt, dass es im philosophisehen Sinne keine systematische Ethik haben kann. Dass die Bibel ein solches System nicht bildet, ist einleuchtend. Vom Talmud sagt derVerfasser selbst, dass er ״der Form der scientifischen Systematik״ entbehren konnte (S. 67). Ueber diese Tugend, die der Verfasser aus der Noth macht, lässt sich streiten; die Thatsache selbst aber ist somit von ihm zugestanden.