Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 39 (1894-1895)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 240 (sequence 2)
- Language
- German
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240 Besprechung. innewohnende Fähigkeit, einen tiefliegenden Gedankengehalt aus den wirklich oder anscheinend einfachen Worten und Sätzen der heiligen Schrift zu gewinnen und das Schwierigste in leicht fasslicher Form vorzutragen, die Gegner über ihren eigenen Standpunkt aufzuklären, tief in deren Inneres zu blicken, die unentrinnbaren Consequenzen ihrer Meinungen und Worte ihnen überraschend vorzuhalten oder ihr Herz für richtigere Auffassung zu gewinnen. In dieser Hinsicht passte auf Joel wie auf wenig Andere seines Standes das Wort der Schrift (Sp. 20, 27): Der Geist des Menschen ist eine Gottesleuchte, die tief eindringe und ergründe alle Kammern des Innern. Die zweite Abtheilung unseres Bandes besteht aus Gelegenheitspredigten und Gelegenheitsr eden, die neben ihrem gediegenen Inhalte und ihrer mustergiltigen Form auch noch von geschichtlicher Bedeutung für unsere Zeit sind. Wir begegnen zuerst der schönen Predigt hei der Einweihung der neuen Synagoge in Breslau* der ersten Synagoge, welehe die Gemeinde selbst aus ihren Mitteln, nicht ohne mannigfache Schwierigkeiten, erbaut und seitdem als ihr Eigenthum benutzt hat. Es folgen unter Anderem ein Festvortrag am Krönungstage König Wilhelm I. von Preussen am 18. October 1801, ein Vortrag am Bettage vor dem Kriege von 1866 und an dem Sieges-Dankfeste nach der Beendigung desselben; desgleichen am Bettage vor dem Kriege gegen Frankreich im Jahre 1870, am Beisetzungstage Kaiser Wilhelm’s und am Beisetzungstage Kaiser Friedrich’s. Aus früherer Zeit stammen die Beden an der Bahre Meyerbeer’s, an der Bahre von Dr. Michael Sachs und an der Bahre von Dr. Moritz Veit. Für diese drei Fälle wurde ■Dr. Joel nach Berlin von der Synagogen.-Gemeinde daselbst berufen. In Breslau hielt er die Beden an der Bahre Zacharias Frankel’s und Isidor FriedenthaTs sowie bei der Todtenfeiex für seinen Amtsvorganger Abraham Geiger. Wenn auch diese Beden grösstentheils im Einzelnen bereits zur Zeit veröffentlicht worden sind, so ist es doch sehr dankenswerth und dem Bedürfnisse Vieler entsprechend, dass dieselben nunmehr gesammelt und vereint , mit den anderen Predigten vorliegen. Man sieht leicht, dass die Predigten und Beden dieser zweiten Abtheilung späteren Biographen und Historikern werthvolles Material zu liefern geeignet sind. Aber auch an sich sind diese Gelegenheitsreden von grosser Bedeutung. Sie sind Muster einer zutreffenden Charakter- und Lebenszeichnung, einer klassichen Sprache und vor Allem einer edlen Gesinnung, die überall das Gute liebreich herausfühlt und zu würdigen versteht und in dem Einzelnen und Besonderen den Werth und die Bedeutung für das Ganze und Allgemeine sieht und nachweist. Auch von diesem Bande kann ich nur wiederholen, was ich von dem ersten Bande in dieser Monatsschrift früher ausgesprochen habe. Er gehört in jedes jüdische Haus, in die Bibliothek eines jeden jüdischen Predigers und dessen, der sich diesem Fache widmet. Diese Predigten müssen namentlich in jeder kleineren Gemeinde vorhanden sein, um allenfalls, wenn es an einem geeigneten Prediger fehlt, an den einzelnen Festtagen aus dem reichen Vorrathe die passenden Stücke auszuwählen und der versammelten Gemeinde vorlesen zu lassen. Dr. David Bosin. [Die vorstehende Besprechung hat mir der unvergessliche Lehrer, Freund und Amtsgenosse wenige Tage vor seinem plötzlichen Hinscheiden (am 31, December 1894) zum Abdruck übergeben, Br,] Unberechtigter Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift ist untersagt.