Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 39 (1894-1895)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Bitte [Nachricht] / Trieber, C.
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Bitte. schlimmsten Verderbnisse erlitten. Ausser den Randbemerkungen, die sich allmählich einschlichen, erfuhr das Werk von geschickten, aber unwissenden Skribenten sehen frühzeitig irrige, ja völlig nngeschichtliche Zusätze, die sich im Laufe der Zeiten leider immer noch vermehrten. Diese nun sind es hauptsächlich, welche hervorragende Gelehrte veranlasst haben, das Werk erst einer späten Zeit, dem 11. Jahrhundert, zuzuweisen. Freilich bieten die Mantuaner Ausgaben von ca. 1480 sowie diejenige des Sebastian Münster, Basel 1541, einen viel reineren Text, gleichwohl ist auch dieser nicht der ursprüngliche. Dem scharfblickenden Asarja deRossi allein war es nicht entgangen, dass hier ein sehr altes, aber durch spätere Zuthaten übel zugerichtetes Werk vorliegt, was er im Meor Enajim (Venedig 1541) darlegt. Bei dem mangelhaften Zustande der historischen Wissenschaft jener Zeit wurde das jedoch gar nicht beachtet. Die Aufmerksamkeit des Unterzeichneten wurde nun auf das Werk durch eineu bedeutenden Petersburger Forscher gelenkt. Auf den ersten Blick schon liessen sich eine Reihe erlesener Nachrichten über die erste römische Kaiserzeit feststellen. Bei der darauf folgenden genaueren Untersuchung ergab sich denn in der That, dass Josippon sich hier einer ausgezeichneten, gleichzeitigen Quelle bedient. Auch sein Verhältniss zu Josephus sowie zum 2, arabischen Makkabäerbuche wurde eingehend geprüft. Da indessen der heutige Text völlig verwildert ist und in den verschiedenen Ausgaben ganz verschieden lautet, so erschiene es vielleicht gewagt, das gefundene Resultat schon jetzt zu veröffentlichen. Dies wäre erst dann räthlich, wenn der Text zuvor auf dieselbe kritischphilologische Weise in möglichster Reinheit hergestellt würde, wie man das bei griechischen und lateinischen Schriftwerken als etwas Selbstverständliches ansieht. Bisher jedoch ist für Josippon in dieser Beziehung noch gar Nichts geschehen, so dass seine ursprüngliche Gestalt, anstatt heller hervorzutreten, sich von Jahrhundert zu Jahrhundert immer mehr getrübt hat. Nun giebt aber Josippon in seiner dramatischen Lebendigkeit sowie in der schlichten Art des Vortrags dem Herodot nur wenig nach. Daher würde eine den heutigen Ansprüchen genügende wissenschaftliche Ausgabe nicht bloss der jüdischen, sondern der Weltliteratur einen der kunstvollsten Geschichtschreiber aufs Neue zurückgeben. Erst dann jedoch, wenn ein völlig gereinigter Text vorliegt, könnte die historische Untersuchung, wenn sie vorsichtig und methodisch geführt sein soll, mit Aussicht auf einen sicheren Erfolg einsetzen. Darum dürfte es als eine Ehrenpflicht Aller, denen die Geschichte nnd Litteratur am Herzen liegt, erscheinen, dieses Unternehmen, welches der Unterzeichnete mit Hilfe sachkundiger Männer auszuführen gedenkt, thatkräftig zu unterstützen. Dies könnte hauptsächlich dadurch geschehen, dass mir die ältesten Drucke sowie alle hebräischen Handschriften, besonders aber auch diejenigen der arabischen nnd äthiopischen UeherSetzungen (von denen sicherlich eine grosse Menge im Orient vorhanden ist) zur Verfügung gestellt werden. Wichtig wäre hierbei die Angabe, ob die betreffende Handschrift zu verleihen oder zu verkaufen sei. Frankfurt (Main), 15. October 1894. Wiesenau 18. Dt. C. Trieb er. Unberechtigter Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift ist untersagt.