Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 37 (1892-1893)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die ersten Emancipationsbestrebungen der Juden in Breslau
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829640-2829653-2877978--25262-2878021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
572 Emancipations-Bestrebungen in. Breslau. Audi in dieser Streitfrage waren es also wiederum die ]Freunde der Wilhelms-Schule, die für die Neuerung eintraten und so den Frommen Grund zu Feindseligkeiten und Zwistigkeiten gaben. Reibungen kamen seitdem auch in diesem Punkte öfters yor; selbst über den Gräbern scheute man nicht den Kampf. Einflussreiche Bundesgenossen erhielt Löwe übrigens an den jüdischen Ärzten Breslaus, die sämmtlich, ohne Unterschied ihrer religiösen Stellung, in diesem Punkte mit ihm übereinstimmten. Anfangs 1797 starb der Täter des schon erwähnten Dr. Zadig; der Sohn verlangte, die Leiche solle erst am dritten Tage bestattet werden. Die Vorsteher der frommen Beerdigungsbrüderschaft sträubten sich, diesem Verlangen nachzugeben und gestatteten endlich, dass die Beerdigung nicht wie gewöhnlich schon nach sechs, sondern erst nach 24 Stunden rorgenommen wurde. Schon dieser Vorfall gab dem Generalfiscal Berger Gelegenheit, itoym um Abstellung der frühen Beerdigung in Breslau anzugehen, zumal sie auch gegen das Landesgesetz verstosse 1 2). Neues Leben kam in die Frage, als Mitte November desselben Jahres auf die leichtfertige Aussage eines Krankenwärters hin das Kind eines Breslauer Gemeindemitgliedes fälschlich für tot erklärt und nur durch den zufälligen Umstand davor bewahrt wurde, lebendig begraben zu werden, dass der angebliche Todesfall erst am Abend constatiert worden war. Der Vorfall erregte grosses und berechtigles Aufsehen, zumal die Provinzialblätter ausführlich darüber herichteten -) und energisch die Abstellung des gefahrbringenden Brauches forderten. Eine von der Brüderschaft veröffentlichte Erklärung und Richtigstellung 3) konnte den Eindruck, den der Vorfall gemacht hatte, nicht abschwächen. Auch die Kammer erhielt sogleich durch eine anonyme Anzeige Kunde von dem, 1) St.-A., P. A. II, 49 1־ I. 2) Pr. Bl. 1797, Bd. 26, S. 460. — Vgl. auch Geiger, Zeitschr. für Gesch. d. J. in Dtschld., Bd. III, S. 218 ff. — Grätzer, Geschichte der isr. Kranken-Verpflegungs-Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft zu Breslau, erwähnt den Beerdigungsstreit mit keinem Worte. 3) Pr. Bl. 1797, Bd. 26, Anhang, S. 837.