Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Beiträge zur Geschichte der letzten geonäischen Zeit und zur Kritik der karäischen Propaganda
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 353 (sequence 2)
- Language
- German
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Beiträge zur Geschichte der letzten gaonäischen Zeit 353 schon früher im Organismus unseres Volkes Symptome einer krankhaften Gährung sich gezeigt, die auch thatsächlich zwei Male, wenn auch nicht mit der genügenden Energie, sich vollzogt) Der Mangel an Quellen, die uns über den damaligen Bildungsgrad, über die religiösen und socialen Verhältnisse des jüdischen Volkes genau unterrichten würden, läßt kein Gefühl der Sicherheit in der pragmatischen Erklärung jenes Schismas in uns aufkommen. Die agadistischen Erzeugnisse dieser Zeit tragen einen zu eklektischen Charakter an sich, als daß sie dem Geschichtsforscher auf dem Wege seiner Forschung zur Leuchte dienen könnten. Die meisten eigentlich geschichtlichen Quellen, wie Scherira's Brief, Nathan's des Babylonier's Berichte im Juchasin und die bei Jbn-Verga im ״Schebet Jehuda" erhaltenen Nachrichten haben nur die Hochschulen in Sura und Pumbaditha und die Exilarchen im Auge, und kümmern sich um die Verhältnisse des Volkes sehr wenig, so daß wir, um diese doch einigermaßen kennen zu lernen, gerade auf diejenige Quelle zurückgehen müssen, welche am wenigsten den Anspruch erhebt, als Geschichtsquelle angesehen zu sein, nämlich auf die halachischen Erzeugnisse der einzelnen Gaonen. Und auch von den Karäern erfahren wir nichts Zuverlässiges über ihren Ursprung. Die Gründer und Ausbildner des Karäismus wollten es weder zugeben, daß sie nur den Saducäismus Wiederaufnahmen, noch auch, daß ihr Streben ein nenes, dem bisherigen Judenthuine fremdes sei. Sie griffen vielmehr nach geschichtlichen Fictionen, schoben fälschlich alten Mischnalehrern karäische Bestrebungen unter, Erdichtungen, die von Spätern — möglicherweise aufrichtigen Glaubens — nachgesprochen wurden. Was erst von den Berichten arabischer Schriftsteller zu halten ist, läßt sich aus den: Gesagten leicht folgern. Doch, lassen wir das Karäerthuin aus welchen Ursprüngen immer hervorgegangen sein, und sehen wir zu, welche Mittel es zu seiner Kräftigung und zur Förderung seines Wachsthums anwendet. Um gerecht zu sein, heben wir es gleich hervor: Die Begründer des Karäismus, die neuen Gegner des Herkommens, unterschei- ') Bgl. Graetz' Geschichte der Juden V, besonders Note 14. Frankel, Monatsschrift. XX. 8 23