Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und halachisch-exegetischen Sammlungen während der Tannaim-Periode
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 11)
- Language
- German
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168 Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und dem der exegetische Gesichtspunkt erweitert, die Schlußfolgerungen complicirter, der Halachahstoff reicher und die Jüngerzahl größer wurden? Strenge Gewissenhaftigkeit und skrupulöse Genauigkeit der Ueberlieferer konnten unter solchen Umständen keine Bürgschüft mehr bieten. Im Gegentheil diese Tugenden mußten nothwendig schädlich wirken. Denn, das in diesen Schulen grundsätzliche Streben, das Gehörte so viel als möglich wortgetreu weiter zu überliefern, nahm die Ueberlieferungsträger ganz in Anspruch. Bei einer solchen Gedächtnißanstrengung konnte es nicht ausbleiben, daß die Selbstthätigkeit, diese erste Bedingmlg des Durchdrungenseins von dem aufbewahrten Stoffe, darunter litt. Und in diesem Umstande ist die Ursache jener öfteren Erscheinung in der Tanna'i'mliteratur zu suchen, daß Ueberlieferungen über ein und dasselbe Objekt, selbst wenn es aus derselben Quelle fließt und nur durch verschiedene Kanäle geleitet, bedeutend von einander abweichen. Wie man weiß, begegnet man diesem Uebelstande besonders häufig bei untergeordneten Punkten, wie z. B. bei Angaben von Autoren- oder Ueberlieferernamen irgend einer Halachah. Diese Erscheinung wurde vielfach besprochen; sie ist aber ganz in der Statur der Verhältnisse begründet. Das Gedächtniß, dem die Lösung einer überaus schwierigen Aufgabe zugetheilt wurde, suchte naturgemäß, obschon nur halbbewußt, sich auf irgend eine Weise die Lösung zu erleichtern. Der Unterschied zwischen Nebensächlichem und Cardinalpunkten gab dann den Ausschlag in der Wahl der mehr oder weniger zu bewahrenden und erhaltenden Punkte. Solche Abweichungen richteten dann erst rechte Verwirrungen an, wenn sie im weiteren Verlaufe der Ueberlieferung bei einem Dritten zusammentrafen. Denn dieser war einerseits ängstlich bemüht, das Erhaltene treu und gewissenhaft weiter zu überliefern, anderseits nicht im Stande, weil aus Pietätsgründen nicht gewillt, die in solchen Fällen nöthige Kritik zu üben. Die Widersprüche wurden auf diese Weise sanctionirt und verewigt. Diese und viele andere ihr ähnliche Erscheinungen, bei oberflächlicher Betrachtung so räthselhaft und unbegreiflich, stellen sich bei tieferem Eingehen als natürliche Ausflüsse von Zuständen und Verhältnissen heraus, die die erste Zeit nach der Synode erzeugt hat. Demnach findet unsere obige gewissermaßen aprioristische Beschreibung von dem Entwickelungs-