Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 19 (1870)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Analekten.
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 1)
- Language
- German
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Analekten. 01 «llnafeftten. Die Schilderung Suetous vom Kaiser Titus, das; dieser die Liebe und die Wonne des menschlichen Geschlechtes gewesen, obwohl er als Privatmann und Mitregent seines Vaters verhaßt war und öffentlichem Tadel unterlag, diese Schilderung enthalt einen psychologischen Widerspruch. Als Prinz und Mitregent die Nächte \\1 brutalen Orgien gleich Caligula und Nero zubringen, Geldpressereien fast noch unverschämter als sein Vater Vespasian treiben, jeden Verdächtigen durch Polizeispione im Theater oder Lager summarisch hinrichten lassen, uub dann als Kaiser: amici, cliem perdicli zu sagen, wenn er an dem Tage nicht irgend einen Akt der Tugend und der Wohlthätigkeit ausgeübt hat, mit einem Worte als Prinz ein so verworfener blutdürstiger Wüstling sein, daß man von ihn: bei der Thronbesteigung einen zweiten Nero prognosticirte (propolam alimn Neronem et opinabantur et praedicabant), so daß man ihn als Vatermörder betrachtete, und hinterher ein Ideal eines fleckenlosen Kaisers sein, läßt sich logisch nicht zusammenreimen. Denn Titus war beinahe 40 Jahre alt, als er den Kaiserthron bestieg, in einem Alter, in dem üble Neigungen und Laster einen chronischen Charakter anzunehmen pflegen und nicht so leicht abgeschüttelt werden können. Die bisherige Geschichtsschreibung hat sich an die Schilderung des Titus, als ״Wonne des Menschengeschlechts" und an die Phrase: ״ich habe einen Tag verloren" gehalten und die Blut- und Schandflecken in seinem Leben übersehen. Und wenn die Lalmudischen Traditionen ihn genannt haben Titus ha-Rascha, so hat man über ihre Bornirtheit gelacht. Ein tiefblickender französischer Geschichtsschreiber hat indes; das Urtheil der Talmudisten über Titus zu Ehren gebracht. Mr. Beule, dessen Auge an dem Cäsarismus des heutigen Frankreich geübt, den römischen Cäsarismus in seiner ganzen plastischen Scheußlichkeit reconstruirt hat, läßt Titus in einer ganz anderen Beleuchtung erblicken, als die vulgäre Vorstellung ihn sich bisher gedacht hat (Revue des deux mondes 1860, p. 674 fg.: 1 e veritable Titus): ״Cs ist klar, daß Titus (bei seinem Regierungsantritte) eine Maske weggeworfen oder eine vorgenommen hat: entweder waren seine Laster be-