Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 12
- Article
- [Nachricht]
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 573 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Analekten. 573 Schriftsteller, der alle Schichten der englischen Bevölkerung zum Gegenstand seiner Studien gemacht hat, Herr Stallard, hat so eben ein Werk über die Lage der Juden in England veröffentlicht und ein farbenreiches Bild, ein soeiätes Sittengemälde von ihnen entworfen. Er hat aber seine Beobachtnngen mehr dem jüdischen Proletariat zugewendet, weil da noch Originalitdt anzutresfen ist, während die jüdischen Capitalisten, Fabrikanten oder Rentiers sich nur wenig von den englischen Gentlemen unterscheiden. Die Zahl der Juden in England ist noch nicht statistisch festgestellt. In London soll es 55,000 geben, wovon die meisten, wie sich beitfen läßt, nicht in Uebersluß leben. Viele derselben gehören der polnischen Emigration an. An den Docks, wohin die englischen und irischen Proletarier, die nicht wissen, womit sie den Tag über ihren Hunger stillen werden, sich jeden Morgen begeben, um als Hände und Arme gebraucht zu werden, finden die jüdischen keine Beschäftigung; sie werden dort von den christlichen Docksarbeitern verdrängt, in deren Brust zwar keine Spur von Religion oder vom Christenthume glimmt, aber viel mittelalterlicher Judenhaß angehäuft ist. Aber von der anständigen Gesellschaft wird die Redlichkeit, Nüchternheit und der praktische Verstand auch der armen Juden anerkannt. Unter den organisirten Diebesbanden in London findet sich kein Jude. Der letzte statistische Ausweis hat gezeigt, daß es in ganz England bloß 15 jüdische Sträflinge giebt, die fast alle nur wegen Hehlerei vernrtheilt wurden. Seit drei Jahren ist nur eine einzige Jüdin wegen eines Verbrechens bestraft worden. Auch der jüdische Proletarier schätzt das Familienleben über Alles und hat seine Heimath nicht in den Brauntweinstuben. Die Jüdin kennt keinen größeren Schatz als ihr Kind und nimmt keine Arbeit an, die sie von demselben trennen würde. Die Folge dieser Nüchternheit und des Familiensinnes ist, daß die Sterblichkeit unter den Juden weit geringer ist, als unter den ar!nen Christen. Es muß auch anerkannt werden, daß die reichen und vornehmen Juden Londons ihren armen jüdischen Glaubensgenossen viele Sorgsalt ä1m)enben, ihnen nicht blos materiell unter die Arme greifen, sondern sie auch geistig zu heben suchen. Für den Unterricht arnrer jüdischer Kinder wird ausreichend gesorgt. Kein Jude erhalt Unterstützung, wenn er sich nicht verpflichtet, seine Kinder eine Schule besuchen zu lassen. Es giebt in London zwölf jüdische Armenschulen, welche von mehr denn 4000 Kindern besucht werden. Stallard hebt!roch viel edle Züge an den Juden Englands und besonders Londons hervor. Hier soll aber nur auf diese Erscheinung aufmerksam gemacht werden. Druckfehler. S. 542 unt. muß es heißen: für וינוסו unrichtig וירוצו.