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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1869-01-01 · Heft 11 · p. Seite 522

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
18 (1869)
Issue
Heft 11
Article
Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
Date
1869-01-01
Page
Seite 522 (sequence 15)
Language
German
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522 Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und unserer Großväter eine gewaltige Kluft bestehe (also gegen eine offenkundige Thatsache nicht die Augen verschließe), der habe die Burg des Conservatismus hinter sich, oder wie die Phrase lautete. Also mau identificirt frischweg Conservatismus oder Orthodoxie mit Stumpf- und Blödsinn, und hat dann leichtes Spiel — wir verachten solche Fechterkuuststückchen, mag auch ein großer Chorus ihnen Bravo zurufen und uns angelündigt werden, daß nächstens sogar von jenseits des Meeres ein lautes Echo dem Plaudite des Akteurs antworten werde. Aber herrschsüchtig (und verketzerungslustig 1) ist doch auch die jüdische Orthodoxie. Da dürsten wir wohl zunächst ein ״vielleicht umgekehrt" geltend machen. Eine Reihe von Jahren hat ohne Zweifel die Neforinpartei in den deutschen Gemeinden, sobald sie die Majorität und die Herrschaft erlangt hatte, die Gegner zu unterdrücken und ihnen die eigene Richtung aufzuzwingen gesucht. Haben hier und da Orthodoxe die ihnen günstige Stimmnng der Staatsregierung benutzt, unr zur Herrschaft zu gelangen, so hat man anderswo Reformen durch Polizeigewalt eingeftihrt. Beides liegt glücklicherweise hinter uns. Versuche von rechts oder links, eine Wiederholung aufzuführen, würden dem allgemeinen Unwillen verfallen. Was kann aber überhaupt darunter gedacht werden, wenn man sagt, ein orthodoxer Rabbiner oder Vorsteher sei herrschsüchtig. Was ein solcher möchte, wollte, wünschte, also sein etwaiges Herrschgelüste, entzieht sich menschlicher Kritik. Um Herrschsucht faktisch zu zeigen, muß man irgendwelche Macht besitzen, oder auch nur borgen können. Der Rabbiner ist nach wie vor מ׳עועבד, dienender Beamter, nicht Herr, ') Dies einge klammerte Register pflegt mitzuklingcn, wenn die andern gezogen werden. Wir haben darüber schon oben das Nöthige gesagt, haben ehrlich zugestanden, das; bei theologischen Streitigkeiteir nicht minier bloß mit Gelehrsamkeit und Scharfsinn (חריפות ובקיאות) gekämpft werde, sondcrn oft allerlei ernfließe, was den anderweitig üblichen Verketzerungen recht ähnlich sieht. Aber;vir haben auch gesagt, daß dergleichen am jüdischen Volke rasch und spurlos vorübergehe, daß es aus diesem Grunde, und weil alle Macht, dem Urtheil Vollzug zu schassen, fehlt, recht harmlos sei, und haben das Geständniß verlangt, daß die Gegner durch theologischen Eifer ihrerseits den der Orthodoxen wett machen. Es fallen eben Späne, weitere Gefahr bringt die Sache nicht.

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