Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Nachricht]
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Monatsbericht. jüdischen Abgeordneten Winterstein in dasselbe abermals verletzt worden. Wir wollen abwarten, ob Herr Kardinal Rauscher seinem neuen Collegen mit derselben liebenswürdigen Höflichkeit entgegenkommen wird, wie sie dem Varon v. Rothschild vom Grafen Brühl zu Theil ward. - In Pest bildet in diesem Augenblick die jüdische Bevölkerung den Mittelpunkt, um den sich die ganze Wahlbewegung dreht. In der L e opoldstadt wurde von einem Theile der Wählerschaft ein Jude, Herr W a h r m a n n, als Candidat für das ungarische Abgeordnetenhaus aufgestellt. Von anderer Seite jedoch empfahl man auf's Dringendste die Wahl des vr. Falk, des Chef-Redacteurs des Pester Lloyd, der viele Verdienste imt die Deakisten-Partei hat. Die jüdischen Wähler steifen sich darauf, einen ihrer Glaubensgenossen ins Parlament zu schicken, um so das ihnen gum ersten Male eingeräumte active und passive Wahlrecht in vollem Umfange zur Geltung zu bringen. Ein leiser Wink von dem klugen Deal, daß er die Wünsche der Juden berechtigt finde, und Dr. Falk trat bereitwillig von seiner Candidatur zurück. Die Wahl Wahrmann's darf daher wohl als gesichert betrachtet werden. In der Theresienstadt stehen der Handelsminister Gorove und der Kossuthianer Jokay einander gegenüber. Die Gegner Gorove's verbreiteten das Gerücht, Gorove sei ein Judenfeind, um die jüdischen Wühler, welche auch in diesem Stadttheil den Ausschlag geben, ihrem Candidaten zuzuwenden. Interessant ist es zu beobachten, wie sich die beiden Candidaten an Freundlichkeit gegen die Juden zu überbieten suchen. Jeder erörtert in seinen Wahlreden zu wiederholten Malen sein Verhältniß zu den Juden, und die Anhänger Gorove's wiesen nach, daß derselbe schon vor zwanzig Jahren der Emanzipation der Juden das Wort geredet habe. Um sich ihrer noch mehr zu versichern, wurde den Juden von Gorove's Freunden gar — ein Diner im koscheren Speisehause gegeben. Wie von mancher Seite berichtet wird, wollen die orthodoxen Ultra's für Jokay stimmen, weit sie dem Ministerium die Einberufung des israelitischen Congresses nicht verzeihen können. Gewiß zeigen die ungarischen Juden in der Ausübung ihrer politischen Rechte noch viel Unreife. Wer jedoch wollte ihnen dies gar zu sehr verargen, wenn er die vollständige Vernachlässigung berücksichtigt, in der sie bisher gelassen waren?