Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1861-01-01 · Heft 10 · p. Seite 400

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
10 (1861)
Issue
Heft 10
Article
Aus der Vorzeit
Date
1861-01-01
Page
Seite 400 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829262-2829273-2858028--06334-2858075
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

400 . , ' Notizen. ren, deren Vater schon verstorben, unter seinen alten Glaubensgenossen zurückgelassen habe. Der fromme Eifer des Cardinals fand sich riothgedrungen, zur Rettung dieser armen Seelen alles Mögliche zu thun, und er that'8 auch wirklich. Durch eine sonderbare Grille sollen in Rom die Kinder ihren Eltern und die Unmündigen ihren Vormündern oder nächsten Anverwandten folgen, wenn eine Religionsveränderung zum Vortheil der römisch-katholischen Religion sich ereignete. Der Aeiteste der Judengemeinde empfing also Befehl, die beiden Knaben in’s Kloster zu liefern. Er stellte vor, dass diese Knaben bei einem ihrer Anverwandten im ersten Grade sich aufhielten; dass dieser bis' jetzt vom Gesetz Moses nicht gewichen sei, und die Knaben also nach allen Rechten in der Religion dieses ihres allernächsten Anverwandten erzogen werden müssten. Der Cardinal, ohne Gründe anzuhören, brauchte Gewalt; die Knaben 'wurden von ihrer Nation versteckt, allein dadurch wurde die fromme Etninenz nur erbitterter. Er liess gegen 60 andere jüdische Knaben greifen und in finstere Kerker werfen, die Aeltesten der Gemeine im eigentlichsten Sinne foltern und peinigen, bis diese sich endlich gezwungen sahen, die beiden Knaben• auszuliefern. Eine schwere Geldstrafe vermehrte die Noth der armen Juden; und ohnerachtet der älteste von den beiden Knaben freimüthig bekannte, dass er niemals einer Religion treubleiben würde, wozu man ihn mit so viel ־Unmenschlichkeit zwänge, so wurde er doch mit seinem Bruder und Vetter, zur Unterhaltung des römischen Pöbels, öffentlich mit vieler Feierlichkeit getauft. Die römischen Juden haben dies harte Verfahren ihren Brüdern in ganz Europa bekannt gemacht, um Unterstützung gebeten und ersucht, Gutachten über diese Proselytenmacherei selbst hei Christen einzuholen und anzufragen: Ob das Verfahren des Cardinais sich mit den Grundsätzen der christlichen Religion und mit den natürlichen Rechten der Menschheit vereinigen lasse? ־— Das Schreiben mit der Erzählung des ganzen Vorfalls ist auch an die berlinischen Aeltesten gekommen. —- Wir haben also hier ein Seitenstück zu der herüchtigten Mortarageschichte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.