Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Article
- Lessings Religion
- Date
- 1929-01-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Lessings Religion. Zum 200. Geburtstage Lessings (22. 1. 1929). Von Albert Lewkowitz in Breslau. ,,Das Genie können nur Begebenheiten beschäftigen, die inein•׳ ander gegründet sind, nur Ketten von Ursachen und Wirkungen1/' In diesem Satze ist nicht nur Lessings Lehre vom Drama, sondern zugleich seine Weltanschauung mit Klarheit und Entschiedenheit zum Ausdruck gebracht. Und nur weil Lessings Kunstkritik und Kunstschaffen von seiner Weltanschauung, von seiner Persönlichkeit getragen sind, ist nichts Angelerntes, nur äußerlich Bestimmtes in seiner Lehre und seinem Schaffen. Denn Lessing — um in seiner Sprache zu reden — ist kein zufälliges Faktum, sondern ein Charakter, der unter diesen Umständen solche Fakta, wie seine Ideen und seine Werke hervorbringen mußte. Lessing ist der Mensch des neuzeitlichen Europa in charaktervoller Bestimmtheit. Das ist seine Größe und seine Grenze. Die Kraft wissenschaftlichen Denkens, die Tiefe religiösen Gefühls sind die Grundlagen auch der mittelalterlichen Kultur. Und doch findet selbst der kühnste Rationalismus und die subjektivste Mystik des Mittelalters ihre unübersteigbare Schranke an der Wahrheit der Offenbarungslehre. Wahrheit gibt es nur innerhalb der Grenzen der Konfession. Denn die Konfession ist das Bekenntnis des Menschen, den Gott belehrt hat. Die Wahrheit ist göttliche Erleuchtung, Inspiration, Offenbarung. Daher die Autorität der Kirche, daher die Einheitskultur des Mittelalters. Daher ist im europäischen Kulturkreis die Kirche die Bewahrerin der antiken wissenschaftlichen und staatlichen Kultur und prägt sie zugleich zur Dienerin ihrer überirdischen Wahrheit und Herrschaft um. Dieser kirchlichen Autoritätskultur tritt in der Renaissance der Mensch gegenüber, der in der Freiheit seines Denkens, Fühlens, Schaffens den Adel seines göttlichen Ursprungs erkennt und zur Entfaltung bringt. Nur ein oberflächlicher Blick sieht in der Renaissance lediglich eine künstlerische oder gar künstliche Wiederb^lebung der Antike. In ihrer ursprünglichen Tiefe ist die Renaissance Wiedergeburt nicht der Kunst, sondern des Menschen, der in Gott den Quell der Herrlichkeit der Welt und des Menschenlebens neu erschließt. Die antike Kunst und die antike Philosophie sind nur Führer zur reinen und klaren Selbsterkenntnis. Der Mensch aber erkennt die Welt als die ewige Offenbarung Gottes, den Menschengeist als die Angel und den Mittelpunkt der Welt, als Mikrokosmus, erkennt Gott, Welt und Mensch in neuer Schönheit strahlend, zur Einheit gefügt durch die Liebe, die das Höhere sich herabbeugen läßt zum Niederen, das Niedere sich emporwenden läßt zum Höheren. So sah 1 Hamburg. Dramat. St. 30. Monatsschrift, 73. Jahrgang. 1