Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1927)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 2)
- Language
- German
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73 Travers Herford und Moore gegen Boussets Bild vom naehbiblisclien Judentum erhoben haben, kommt es, soviel ich sehe, nicht. ' Nur an zwei Stellen verrät ein beachtenswerter Wandel des Ausdrucks, auf den ja G., wie wir sahen, Gewicht legt, ein Hinau&streben über Boussets Anschauungen. Bousset schrieb die Geschichte des Judentums im ,,neutestamentlichen Zeitalter/6 Auswahl und Anordnung sind durch die Seitenblicke auf das Neue Testament bestimmt, das der Verfasser beständig im Auge behält. Die Religion, die er behandelt, nennt er, wie die meisten christlichen Theologen, ständig ,,SpätjudentumDer Ausdruck kann (nach Analogie von Spätgotik, Spätrenaissance) das Judentum nur in der Zeit kurz vor seinem Untergang bezeichnen. Und das soll er auch. Boussets Nachweis läuft ja darauf hinaus, daß die lebendigen Kräfte, die das Judentum in der Berichts zeit zeigte, sich im Christentum voll auswirken, während das Judentum einem immer forischreitenden Prozeß der ,,Verholzung“ verfiel, durch welchen es zu einer Sekte ohne frisches religiöses Leben erstarrte. Greßmann dagegen verspricht auf dem Titelblatt eine Darstellung der jüdischen Religion im ,,späthellenistischen Zeitalter.“ Und an Stelle des Ausdrucks ״Spätjudentum“ hat er, soviel ich sehen kann, durchweg (z. B. 114; 132) die Worte ״späthellenistisches Judentum“ gesetzt. Daß beide Bezeichnungen zu weit sind für eine Darstellung, die mit 100 n. Ch. abbricht, hat G. natürlich gesehen. Trotzdem hat er sie gewählt, um im Gegensatz zu seinem Vorgänger — und nicht nur zu diesem — zu zeigen, daß der Glaube Israels in der frührabbinischen Zeit keineswegs als ein moriturus noch ausschließlich nach] seinen Beziehungen zum Christentum darzustellen ist, sondern als eine durchaus zukunftskräftige Geistesmacht, welche in jener Zeit die Auseinandersetzung mit den übrigen Strömungen der ״hellenistischen“ Kultur (wie man sie mehr oder weniger richtig nennt), vollzogen hat. In diesem Wandel des Ausdrucks liegt gewiß nur ein sehr leiser, aber doch ein sehr dankenswerter Ansatz zu einer objektiven Darstellung des Judentums. Denn wie ein Zeitpunkt im Leben eines Organismus nur verstanden werden kann im Zusammenhang mit Vergangenheit und Zukunft dieses Organismus selbst, so ist auch für das Verständnis des frührabbinischen Judentums nicht wesentlich, wie es befruchtend oder abstoßend auf das Christentum gewirkt hat, sondern wie es die Aufgabe angefaßt und gelöst hat, dem eigenen Glauben auch für die Zukunft jene religiöse Lebenskraft zu sichern, die zwar nicht Bousset, wohl aber Rudolf Otto und Heiler aus dem jüdischen Gebetsleben dieser und späterer Zeit herausgefühlt haben. Daß Greßmann bewußt oder unbewußt die Forderung einer solchen Darstellung erhebt, ist zu beachten und zu begrüßen. Als ich studierte, war das Institution judaicum in Berlin eine Ausbildern gsstätte für Missionäre. Seit Greßmann es leitet, dient es der Wissenschaft vom nachbiblischen Judentum. G. scheint also der Meinung zu sein, daß es nicht darauf ankommt, das Judentum auf Grund ' eines höchst oberflächlichen Bildes zu widerlegen, sondern darauf, es als geschichtliche Erscheinung zu verstehen und seine Auseinandersetzung־ mit anderen Kulturmächten darzustellen — als Selbstzweck, nicht nur der eigenen Religion wegen. Und mir scheint, daß das׳nicht nur uns Juden sehr recht sein kann (so gewiß der Nichtjude vieles anders sehen wird als war), sondern daß der Wissenschaft, die wir gemeinsam pflegen, nur mit dieser Aufgabestellung gedient ist. Heinemann. Jacob Levy und Lazarus Goldschmidt: Nachträge und Berichtigungen zu Jacob Levy. Wörterbuch über die Talmudim und Midraschim. Sonderabdruck. Berlin und Wien, Benjamin Herz Verlag. 1924. 4°. Seite 566—572, 537—546, 733—742, 682—690. Jacob Levy starb 27.11.1892. Die Vorrede zum ersten Bande seines Wörterbuchs ist vom Jahre 1876 datiert, das Werk ist also 50 Jahre alt. Es wäre sehr schön gewesen, hätte man die Fortschritte der talmudischen Lexikographie in einem Nachtrage zu einem unveränderten Abdrucke gesammelt. Dies ist aber nicht geschehen. Wir erhalten unbedeutende Nachträge Levys und einen zusammengewürfelten Haufen von Lesefrüehlen und eigenen Einfällen L. Goldschmidts.