Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1923)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 2)
- Language
- German
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71 des weiteren Ausbaus würdig erscheint der Versuch der Uebersetzung, die im engeren Sinne poetischen Stücke, die lyrischen Lieder, auch als solche wieder־ zugeben. Freilich ist damit erst ein Anfang gemacht; denn als Erfüllung der von dem Autor ausge prochenen Forderung, wissenschaftliche Genauigkeit mit künstlerischer Form zu vereinen, ist seine Uebertragung nicht immer anzusehen. In der allgemeinen religionsgeschichtlichen Würdigung deckt sich V.’s Standpunkt im Wesentlichen mit dem der meisten protestantischen Erklärer, besonders Duhms. Wir möchten bei dieser Gelegenheit die Frage aufwerfen, und sie richtet sich nicht bloß an V., warum die Prophetenexegese der letzten Jahre, so־weit wir sehen, gar nicht ernstlich auf eine Anregung eingegangen ist, die uns äußerst wichtig für die Auffassung des jüdischen Prophetentums zu werden verspricht: auf die von Ernst Troeltsch in seinem Logos-Aufsatz von 1916 zum Ausdruck gebrachte über das Ethos dei* hebräischen Propheten. Gerade wenn man mit Hingebung und tiefer Ehrfurcht sich vor der Größe von Jeremias menschlicher Persönlichkeit beugt, muß man sich darüber klar sein, wie tief diese im Wesen seines Volkes wurzelt. Und statt die Einzigkeit dieser religiösen Gestalt und ihre Losgelöstheit von den sich sonst um alle auftürmenden ״nationalen Schranken“ zu betonen, kommt man gewiß den Tatsachen näher, wenn man innerhalb der nationalen Seele auch auf tieferer Stufe die Keime aufweist, die, in ihrer Entfaltung eine Persönlichkeit wie die des Jeremia reifen lassen. Wenn z. B. Volz zu Jer 297 (im Brief an die Verbannten in Babylon) bemerkt, es sei die einzige Stelle im A. T., in der die Fürbitte für Feinde und Ungläubige empfohlen werde, und nur des Jeremia freie Religiosität sei hierzu imstande gewesen, so wird vielleicht eine nicht ganz unwürdige Vorstufe hierfür Abrahams Gebet für die Leute von Sodom sein. Die Einzelerklärung arbeitet mit einer Fülle von Konjekturen, die in diesem, gerade an wichtigen Stellen textlich so schwer beschädigten Büche nicht verwundern wird. Daß ein Glossator נסע durch יצא erklären zu müssen glaubt, ist nicht sehr wahrscheinlich(^). Aber über dieses Gebiet, das mehr oder minder der Subjektivität ausgeliefert ist, wird man sich schwer einigen. Einen schönen Ausklang des Werkes bedeutet die Würdigung der Völkergedichte: 251538־ und Kap. 46—51. Die von Volz gegen die jeremianische Herkunft der Stücke geltend gemachten Bedenken verdienen ernste Beachtung. Stettin. Max Wiener. ,,Die große Täuschung“ in völkerpsychologischer Beleuchtung, von Ne’man. Leipzig, Gustav Engel, 1922. 77 S. Delitzsch tritt hier ein Mann gegenüber, der wohL Jude ist, sich aber durch die von ihm vertretenen Anschauungen völlig außerhalb aller Richtungen des Judentums stellt, also ohne irgend welche religiöse oder völkische Hemmungen an die Besprechung von Delitzschs Werk geht. Er zeigt an mehreren instruktiven Beispielen, welch erstaunlicher Wandel in Delitzschs Auffassung über die Religion des jüdischen Volkes sich feststellen läßt. Ferner klingen durch sein Schriftchen große allgemeine Betrachtungen über das jüdische Volk und seine Religion. Wir greifen folgendes heraus: Gewiß: die Geschichte Israels hat wegen seiner eigenen schwersten Vergehungen tieftraurige Kapitel aufzuweisen. Aber zu allen Zeiten waren es Söhne des eigenen Volkes, welche diesem den Spiegel seiner Sittenlosigkeit schonungslos vor Augen hielten; Israel selbst war und ist sich stets seiner .eigenen Schwäche bewußt: seine Gebete, die förmlich von Selbstvorwürfen und Selbstanklagen strotzen, legen besonders beredtes Zeugnis davon ab. — Das Relativitätsprinzip gilt auch im sittlichen Leben. Daher darf man nicht, wie es Delitzsch tut, an die Moral des alten Israel den Maßstab des wohlhabenden Deutschlands vor 1914 aniegen. Die sittliche Bedeutung Israels muß ebenso wie die anderer Völker bewertet werden unter dem Gesichtspunkt der jeweiligen Zeitverhältnisse, unter denen es gelebt hat, und der sittlichen Höhe zeitgenössischer Völker. Wie günstig eine solche Untersuchung für das Volk Israel ausfallen wird, weiß jeder, der die sozialen und sittlichen Verhältnisse bei den alten Völkern kennt. — Und wenn die christliche Moral höher strebt als das Judentum, so sind das bewußt-übertriebene Auswirkungen der diesen entnommenen Grundideen, Auswirkungen, die sehen Wirkungen auf die Praxis des religiösen Lebens erzielen.