Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Eheziffern der Berliner jüdischen Gemeinde während des ersten Kriegsjahres
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 6)
- Language
- German
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64 Die Eheziffern d. Berl. jüd. Gemeinde währ, d erst. Kriegsjahres- 19V2 vom Hundert. Dagegen sehen wir unter den 21690 Ehe- Schließungen aus 1914/1915 den beträchtlichen Anteil von 4780 Mischehen, der 22 vom Hundert bedeutet. Gemeinsam ist den Eheziffern der Gesamtbevölkerung Berlins und der jüdischen, daß im ersten Kriegsmonat die Eheziffern in״ folge der Kriegstrauungen ganz erheblich hinaufschnellen, in den andern 11 Monaten aber hinter denen der Parallelzeit des Vorjahres Zurückbleiben. Aber während bei der Gesamtbevölkerung die Eheziffern sich auf der Höhe des Vorjahres halten, ja sogar noch etwas steigen, Kriegsförderungs־ und Hinderungsgründe zur Ehe sich ausgleichen, ist der Rückgang bei den rein jüdischen Ehen ganz erschreckend. Im ersten Kriegsjahre wurden anstatt 470 des Vorjahres nur 325 Ehen geschlossen, was ein Weniger von sage und schreibe 30 vom Hundert oder fast einem Drittel darstellt, während gleichzeitig die Mischehen mit jüdischen Ehegatten von 164 auf 257 um fast 50 vom Hundert zunehmen, ohne daß gleichzeitig Mischehen mit jüdischer Ehegattin eine wesentliehe Verschiebung erfahren. Diese Ergebnisse, mögen sie immerhin unter Einwirkung des Krieges stehen, mögen sie zu einem Teil auf die berechtigte Scheu jüdischer Eltern zurückzuführen sein, eine eheliche Bindung ihrer Kinder vor Beendigung des Krieges vornehmen zu lassen, sind so ungewöhnlich, daß sie auffallen müssen. Hier ist weder Zeit noch Ort, auf die Berechtigung der Mischehe in der Großstadt einzugehen. Die Zeit des Burgfriedens muß auch für die Mischehenfrage respektiert werden. Aber die Tatsache, daß der Nachwuchs aus Mischehen mit jüdischem Einschlag der jüdischen Gemeinschaft fast ausnahmslos verloren geht, muß unterstrichen werden, denn sie bildet eine große Getahr für eine gesunde Entwicklung der Judenheit in Deutschland. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß in den andern Großstädten Deutschlands die Dinge ähnlich wie in Großberlin verlaufen, und da die jüdische Bevölkerung fast ausschließlich den Charakter der Großstadtbevölkerung trägt, so kann man mit einem erheblichen Niedergang der Eheziffern unter der jüdischen Bevölkerung Deutschlands während des Krieges rechnen. Hinzu