Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 52 (1908)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zu Goethe und die Juden
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829811-2829813-2846429--35959-2846560- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Analekten. 101 Herr Goethe sollt uns Juden malen Und theologische Kabalen Mit der geübten Malershand, Sie sei uns seines Geistes Pfand. Der Verfasser dieser gewiss nicht hervorragenden Verse ist der Antistes Johann Jakob Hess (1741—182'?), Theologe und Dichter, der ein großes Epos »Der Tod Moses« geschrieben hat. ln den siebziger Jahren hatte er große Arbeiten über das Leben Jesu und allgemeine Studien über die Bibel vollendet, und es lag ihm daher nahe, gerade in Goethe, dem Verfasser der theologisehen Briefe,: einen Fach- und Gesinnungsgenossen zu erblicken. Aber die Verse können, und gerade darin liegt ihre Bedeutung für unser Thema, nicht nur eine Aufforderung an Goethe sein, sich der Bibel anzunehmen, und der Juden, soweit sie als Verfasser des alten Testaments in Betracht kommen. Ich glaube vielmehr nicht fehlzugehen, wenn ich die Vermutung ausspreche, daß Goethe nur zur poetischen Verklärung der Juden und des Judentums aufgefordert wird. Bedenkt man, daß Goethe in dem seiner Kindheitsepoche angehörenden siebensprachigen Roman einen Teilnehmer jüdisch-deutsch reden ließ, erwägt man ferner, daß er in der ersten Fassung des Wilhelm Meister, die den Weimarer Jahren angehört, einen Juden auftreten lassen wollte, und hält man endlich im Sinn, daß 1774 die ersten »Fetzen« (Fragmente) des »ewigen Juden« entstanden» so liegt es bei der großen Mitteilsamkeit, die dem jungen» genialen Menschen, Freunden und Kameraden gegenüber eigen war, garnicht ferne, daß auch die Schweizer Genossen fröhlicher Tage von dieser Seite seines Schaffens wußten. Und so hätten wir in diesem gutgemeinten Zurufe eine Aufforderung an Goethe zu einem die Juden betreffenden poetischen oder wissenschaftlichen Unternehmen, eine Aufforderung, der er freilich in seinem Leben niemals nachgekommen ist.