Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1933-01-01 · Heft 6 · p. Seite 476

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
77 (1933)
Issue
Heft 6
Article
Chassidische Musik [Rezension]
Date
1933-01-01
Page
Seite 476 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2829132-2829991-2829998-2838647--52349-2838741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

476 Besprechungen Quart ist ein aufgeregtes, aufreizendes Intervall; hier hat es überdies die Funktion, den Gesang gewaltsam und schrill in die Höhe zu treiben. So sind auch die Bearbeitungen dieser Nigunim abzulehnen, die sie mit europäischer Harmonik versehen. Die Prosa und das aus ihr resultierende Rezitativ haben starken Einfluß auf die Melodiebildung gehabt. Ebenso wie ein großer Teil der poetischen Texte offenbar ihren Ursprung in der ungebundenen Rede hat, so haben die rhythmisierten Gesänge in den meisten Fällen die Tendenz, allmählich ins Parlando überzugehen, plötzlich ins Rezitativ zu verfallen oder mindestens Rezitativelemente vorübergehend zu verwenden. Dadurch entsteht etwas beinahe Paradoxes, nämlich eine Art von ,,arhythmiseher Rhythmik“, die diesen Gesängen noch einen besonderen Reiz verleiht. Ganz ungehemmt wirkt sich der Klang einzelner Worte und Wortformen auf die Gestaltung des Melos aus. Die Entstehung gewisser musikalischer Motive läßt sich eigentlich nur dadurch erklären. Die Melodik der von den Mithnagdim stammenden Spottlieder auf den Chassidismus unterscheidet sich im allgemeinen nicht wesentlich vom chassidischen Gesang. Es sind geschickte!Nachahmungen seiner Wesenszüge, dabei von unbedenklicher Freiheitlichkeit und übermütiger Lebenskraft. Die Verspottung äußert sich nicht nur in oft recht schonungslosen, selbstverständlich nicht immer geschmackvollen Texten, sondern auch im Musikalischen, das wirklich interessant humoristisch und wesensenthüllend ist. Ganz expressionistische melodische Linien ergeben sich durch die Karikierung der Sprachmelodie. Das ״Fragen“ spielt eine, geradezu religiöse Rolle; selbst bei der nebensächlichsten Angelegenheit wird eine esoterische Belehrung erwartet; man fragt schon in einem gewissen ״Kigen“. So entstehen bei Gesängen, die solch einen Dialog etwa zwischen dem Chassid und seinem Zaddik karikieren, die seltsamsten Gesangskapriolen: abnorme Intervallsprünge, naturalistische Kurven und exaltierte Verbogenheiten, die absolut modern anmuten. Derartiges verbindet sich mit anderen sprachmelodischen und tanzhaften Motiven und zuguterletzt entsteht eine Gesamtgestalt von unnachahmlicher Originalität und unvergleichbarer Frische. Überhaupt muß über die Formen als Ganzes gesagt werden, daß sie bei äußerer Einfachheit — es sind hauptsächlich zwei- oder dreiteilige Liedformen und ziemlich übersichtliche Rezitative — reich-nüaneierte innere Gliederung aufweisen. JSTur der leichtfertige Betrachter kann behaupten, daß hier bloß wenige Themen sich mit geringen Varianten immer wiederholen. Auch die Texte dieser Spottlieder gehören zu dem Amüsantesten, was die ostjüdische Volkspoesie hervorgebracht hat. Es wird versucht — oft mit plumpen, oft aber auch mit sehr witzigen Mitteln — den Chassidismus zu erledigen. Dabei macht man keinen Unterschied zwischen den Auswüchsen der chassidischen Decadence, also dem weltlichen Gehaben gewisser ״Höfe“ und den heiligsten kabbalistischen Ideen (,,metatron trogt sein rantz gepakt“). Ihr »Spott macht auch nicht Halt vor den tiefsten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.