Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 77 (1933)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen 229 Gedanke zwar überscharf formuliert, aber grundsätzlich richtig ei*־ kannt (44). Daher der Radikalismus des Urchristentums; ,,wenn alle sogenannte (!) Ethik des Urchristentums sich auch formal mit dem Judentum und dem Heidentum berührt, so steigert sie diese Forderungen doch zu radikaler Höhe“ (48). Natürlich kann eine so kurze Zusammenfassung der griechischen wie der jüdischen Lehren den Gegenstand nicht erschöpfen; und der Standort des Verfassers im Urchristentum führt dazu, daß das Wechsel־ seitige Verhältnis der griechischen und der jüdischen Anschauungen zueinander nur schwach beleuchtet wird. Ich glaube auch an anderer Stelle (Phiions Bildung S. 245 f.) gezeigt zu haben, daß die Bezeichnung Gottes als Vater dem Griechen und dem Juden nicht, wie Preisker annimmt, dasselbe bedeutet, daß vielmehr der Grieche überwiegend an Vaterschaft, der Jude an Väterlichkeit denkt. Es wäre auch wohl zu untersuchen, ob die, urchristliche Auffassung der göttlichen Gerechtigkeit, die ,,den Sünder zum Gerechten macht“, nicht stärker als P. S. 34 annimmt, im hebräischen Sprachgeist vorbereitet ist, nämlich im Bedeutungswandel von צדק, das in mischniseher Zeit bereits gern für ,,Milde“ steht, und in der Doppelbedeutung des Hif‘il, welches schon in der Bibel die Anerkennung eines Menschen als gerecht he־ zeichnen kannv ohne seine faktitive Grundbedeutung zu verlieren. Aber im großen und ganzen wird man der Zeichnung des religionsgeschichtlichen Hintergrunds und der Auffassung vom Verhältnis des Urchristentums zu. seinen Vorgängern zustimmen dürfen. ־ Es liegt für jeden Theologen die Gefahr nahe, das Wesen seiner Religion auf einige weitgehend anerkannte Wahrheiten zurückzuführen — woraus sehr häufig eine Trivialisierung der eigenen und, da diese wesentlichen Merkmale zugleich die unterscheidenden sein sollen, eine ' Zurücksetzung der anderen Religionen folgt. Dieser bedeutenden Gefahr ist Preisker dadurch entgangen, daß er als Kernstück des Christentums eine Lehre anerkennt, deren Paradoxie aus der Geschichte seiner eigenen Religion am deutlichsten hervorgeht. Denn immer wieder erfolgen, wie Preisker nachweist, Rückfälle in den ,,Moralismus“; und da P. die Frage, in welchem Sinne Jesus die Liebe aufgefaßt hat, aus guten Gründen völlig offen läßt, so liegt das Bedenken sehr nahe, ob diese Auffassung schlechthin als die urchristliche bezeichnet werden kann — von der Stellung zu dem Werturteil, das. Preiskers Schrift unverkennbar durchzieht, ganz abgesehen. Jedenfalls aber hat P. eine religionsgeschichtlich kennzeichnende, und in der Geschichte des Christentums einflußreiche Strömung gelehrt und vorurteilsfrei beleuchtet; der Fortsetzung dieser Untersuchung, die er verspricht, dürfen wir mit Spannung entgegensehen. . I. Heinemann.