Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 477 (sequence 2)
- Language
- German
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477 Ernst Simon bekennt sich selbst in ihm zum religiösen Sozialismus, jener Weltanschauung, die versucht, zwischen dem religiösen Empfinden und dem nicht mehr wegzuleugnenden Bedürfnis nach einer neuen Gesellschaftsordnung eine Synthese zu ziehen. Der Verfasser geht von der pädagogischen Dringlichkeit der Frage aus und von der Situation des jungen Lehrers, dessen Vorbildung sehr häufig nicht dem entspricht, was die Schüler von ihm erwarten. Wenn auch das Buch vor allem der pädagogischen Praxis dienen soll, so wird es in seinem ersten Hauptteil doch von werttheoretischen Gedankengängen getragen; hier setzt sich der Verfasser mit der Wertbeziehungslehre der Geschichtslogik, den Wertsetzungen der Geschichtsphilosophie und der pädagogischen Wertlehre auseinander. Im zweiten, wertpolitischen Hauptteil wird zuerst die wertpolitische Erörterung an den Hochschulen näher betrachtet, dann aber vor allem die wertpolitische Erörterung an den Schulen einer näheren Betrachtung unterzogen. Hierbei gibt der Verf. zunächst einen Ueberblick über diese Erörterungen vom Regierungsantritt Wilhelms II. bis zur Revolution von 1918 und setzt sich dann sehr ausführlich mit der heutigen Lage auseinander. Besonders interessant sind da zwei Stichproben, die Simon aus verschiedenen Lehrbüchern über die ״Entstehung des Weltkrieges“ und über ״Waffenstill־ stand und Revolution“ macht. Dem Kundigen ist es ja kein Rätsel mehr, wie da noch heute an der Jugend gesündigt wird. So findet das in Bayern verbreitete Buch von Carl Lorenz schlimmste Worte des Abscheus für den Fürstenmord von Serajewo und mehr als milde für die Ermordung von Gurt Eisner, die nur — dies ist typisch — als Tötung bezeichnet wird. Im dritten wertpraktischen Hauptteil werden Elemente der Lösung gegeben. Zunächst wird die Stellung des Lehrers untersucht und dabei seine soziologische Klassenlage analysiert, sodann wird die Schule betrachtet. Hier setzt sich der Verf. mit Ausdrücken wie ״Bekenntnisschule“ und ״Simultanschule“ auseinander. Hierbei dürfte die Auseinandersetzung mit dem Werturteilsproblem in der Bekenntnisschule als Frage nach der Wahrheit und seine Anwendung auf Exegese biblischer Texte besonders interessieren. Schließlich wird der Schüler, wie er sich heute darstellt, eingehend analysiert. Sehr wertvoll sind die Unterrichtsbeispiele, die der Verf. in großer Anzahl anführt. Von ihnen heben wir besonders das über den Prozeß Dreyfuß hervor, das als das rechtspolitische gekennzeichnet wird. Hier zeigt Simon an Bülows, des damaligen Staatssekretärs des Aeußeren, Verhalten die geheime Internationale der reaktionären und militaristischen Kräfte der Welt. Würde dies Unterrichtsbeispiel in der Art und Weise, wie es Simon an der Hand sorgsamsten Quellennachweises anführt, an den höheren Schulen der Welt durchgeführt werden, wahrlich, es sähe um die Beurteilung des Judentums besser aus. Ebenso wichtig ist auch das letzte Beispiel: Die Völker der Welt — oder das kollektive Werturteil. — Gerade unter dem kollektiven Urteil, der kollektiven Verurteilung haben wir Juden stets stark gelitten. Der Verfasser verfügt über eine erstaunliche Belesenheit auf den verschiedensten Gebieten. Er stellt sonst sehr schwer zugängliche Literaturangaben bereit. Aus dem Werk ist aber auch für die jüdische Geschichtsforschung unendlich viel zu lernen. Auch bedeutsame Werke jüdischer Geschichtsschreibung haben ihr Werturteil, das wahre Erkenntnis oft verhindert hat, ob es das Werturteil des in der Abwehr befindlichen Volkes wie bei Grätz ist oder das nationale Werturteil wie bei Dubnow. Ob in der Praxis der höheren Schule das Buch sich so durchsetzen wird, wie es dies verdiente, bleibt immerhin mehr als fraglich. Noch sind wir nicht so w7eit! Das Verdienst aber des jungen jüdischen Gelehrten, hier gerade Pionierdienste geleistet zu haben, ist nicht zu bestreiten. ‘ Hier spricht wahre Humanität. Wenn das Vorwort aus Haifa datiert ist, so beweist dies, das von dem neuen jüdischen Leben in Erez Israel ein Segen für die Menschheit ausgeht. Breslau. Willy Cohn.