Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 397 (sequence 2)
- Language
- German
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397 Arbeit, die im einzelnen manches Gute enthält, sich für die geistige Durchdringung Hebbelscher Gestalten und Hebbels selbst fruchtbarer erweisen können, wenn er seine andere Methode angewandt hätte. Bo wenig nämlich das Gotteserlebnis in Hebbels Dramen ein allein und machtvoll für sich bestehendes ist, so wenig durfte es als für sich allein bestehend, losgelöst vom ganzen seelischen Sein der Rhodope, Judith, Mariamne, Genoveva, des Gyges, Holofernes, Herodes, Golo usw. behandelt werden. Die aus der Analyse des Ges amt Charakters erwachsene Darstellung des Religiösen, die es in seinen Beziehungen zur seelischen Struktur überhaupt sieht, anstatt es so gänzlich zu isolieren, wäre wahrscheinlich zu reicheren Ergebnissen gelangt, als sie nun vorliegen. Eine gewisse Einseitigkeit und eine Selbstbeschränkung im Ziel und Stoff sind sicher manchmal notwendig, aber sie dürfen nicht zu einer verhängnisvollen Verengung des Gesichtspunktes führen. Lotte Barschak. 0. Baltzer: Judith in der deutschen Literatur. W. de Gruyter & Go., Berlin und Leipzig 1930. (Stoff- und Motivgeschichte der deutschen Literatur. Hrsg, von P. Merker u. G. Lüdke. H. 7.) 62 S. in 8°. Stoffgeschichte treiben, heißt die Entwicklung eines Stoffes und seine wechselnde Gestaltung im Wandel der Zeiten verfolgen. Man erkennt aus den Aenderungen der Motive Spuren des jeweiligen Zeitgeistes, der Kultur- Strömungen und der Eigentümlichkeiten der verschiedenen Dichter, die ihre Ideen in diesen Stoff gekleidet und ihn gemäß ihren Erlebnissen abgeändert haben. Daher auch die Steigerung des Interesses für stoff- und motivgeschichtliche Forschungen mit der Wertung der Literaturgeschichte als Geistesgeschichte in den letzten Dezennien (Gundolf, Cysarz). Leider machen sich aber auf diesem Forschungsgebiet die neuen Methoden der Literaturgeschiehte wenig bemerkbar. Statt einer synthetischen Geschichte des Stoffes und' der Motive bekommt man oft eine mechanische Zusammenstellung der einzelnen Motive ohne inneren Zusammenhang, die an die stoffgeschichtlichen Arbeiten im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts (Scherer-Schule) erinnern, zu Gesicht. Bestenfalls verwandelt sich die Arbeit in eine Abhandlung über die Stilarten der verschiedenen Bearbeitungen des Stoffes. Selbstverständlich muß eine Geschichte des Stoffes die Stilgeschichte berücksichtigen oder besser, sie muß darauf fußen, die gegenseitigen Einflüsse von Stoff und Stil in ihren Forschungskreis hineinbeziehen. Aber statt einer Stoffgeschichte an Hand der Literaturgeschichte wird eine Literaturgeschichte (en miniature) an Hand des Stoffes geboten. Die vorliegende Arbeit ist nicht frei von diesen Mängeln. Schon die Einteilung nach den Linien der Stilgeschichte, ohne Rücksicht auf Schichtung und Problematik des Stoffes, ist zu beanstanden. Von der Versicherung des Verf. (S. 4), daß der Untersuchung eine Darstellung nach sozialliterarischen und zeitgeschichtlichen Gesichtspunkten zugrunde liege, ist in der Arbeit selbst wenig zu merken. Der innere Zusammenhang fehlt. Die Problemstellung wird fast nirgends hervorgehoben. Die Bereicherung des Stoffes im Jesuitendrama (S. 20) wird mit ein paar nichtssagenden Worten abgetan, ebenso werden zwei neue Momente bei Hans Sachs nur erwähnt (S. 9), ohne zu sagen, worum es sich handelt. Dagegen läßt er sich breit über Oper und Oratorium aus, was schon ins Gebiet einer speziellen Forschung gehört. Die Warnung des Holofernes vor Judith bei Birck (S. 7) und im Jesuitendrama von 1642 (S. 21) wird erwähnt, ohne daß eine Beziehung beider zueinander oder eine nähere Begründung gesucht würde. Stoff und Problematik der Juciith bei Hebbel wird mit ein paar Zeilen abgetan, dagegen läßt sich Verf. auf 2—3 Seiten über die Weltanschauung Hebbels aus, die die philosophischen Grundlagen für die Judith geben soll. Es fehlt aber dabei die Beziehung zur Judith, und nichts wird klar. Das Tragische bei Holofernes, der sein ,,Ich“ dem Göttlichen entgegenstellen will und bei Judith, die ihr ,,Ich“ aufgibt, um nur das Schwert des Herrn zu sein, und dabei zugrunde geht, weil sie von Leidenschaft überwältigt wird und sich nur an dem Schänder ihrer Ehre rächt (vgl. Bab im Morgen, Jg. 1, S. 223 ff.), hätte . deutlich herausgearbeitet werden müssen. Auch die Erweiterung des biblischen Stoffes durch die Einführung des stummen Daniel und seines Bruders Assad, die Judiths ,,Absage an das Natürliche“ betonen und die naturalistische Logik der Juden zeigen soll (Bab a. a. O. S. 234),