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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 4 · p. Seite 317

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 4
Article
[Rezension] / Barschak, Lotte
Date
1931-01-01
Page
Seite 317 (sequence 1)
Language
German
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317 Kurt Sternfoerg: Heinrich Heines geistige Gestalt und Welt. Verlag Dr. Walther Rothschild. Berlin-Grunewald 1929. So umfangreich die Heine-Literatur ist, so wenig befriedigend mutet sie zu einem nicht geringen Teile an; denn der Ausgangspunkt besonders der Biographien ist meist Angriff oder Verteidigung, und beide lassen kein reines Bild des in Haß und Liebe vielfach umkämpften Dichters und seines Werkes erstehen. Sternbergs Buch ist weder Angriff auf Heine und sein Werk noch Verteidigung. Alles Polemische ist ausgeschaltet zugunsten einer Betrachtung, die nicht den empirischen Menschen Heine und seine Einzelerlebnisse in den Mittelpunkt stellt, sondern zum ersten Mal den Versuch unternimmt, ausschließlich seine geistige Wesenheit und Welt zu erfassen. Nur soweit die Kenntnis dieser Einzelerlebnisse zum Verständnis der Werke unerläßlich erscheint, werden sie — in knappster Darstellung — herangezogen. Heines geistige Gestalt sieht Sternberg mit Recht unter einer großen, immer unausgeglichenen Spannung. Als Kind des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts ist er dem Rationalismus wie der Romantik angehörig. Beide Elemente bestimmen seine geistige Haltung und sein künstlerisches Schaffen und verleihen ihnen ihr charakteristisches Gepräge dadurch, daß sie sich oft unvermittelt nebeneinander finden. Denn die ausgleichende Verbindung zwischen Rationalismus und Romantik, die Auflösung der Gegen- Sätze im Klassizismus fehlt bei Heine. So stellt sich nach Sternbergs Untersuchung sein Wesen wie sein Werk als in einer steten Dialektik zwischen Rationalismus und Romantik begriffen dar. Aber diese Spannung bleibt nicht die einzige. Aus ihr entwickeln sich mannigfaltige, andere, die sich auf allen Gebieten des Geistigen auswirken. Wenn man Heine als den ersten großen Journalisten des 19. Jahrhunderts bezeichnet hat, so zeigt Sternberg, wie auch in den rein journalistischen Schriften stark künstlerische Momente zur Auswirkung kommen, wie der Journalist Heine hinter dem Künstler Heine zurücktritt. In diesem aber wird wieder oft die ratio bestimmend, während andererseits der journalistischen Tendenz in Heine die wissenschaftlich gerichtete in ihm gegenübersteht. Derselbe Kampf spielt sich auf politischem Gebiet ab. Verstandesmäßig lehnt Heine das politische Deutschland seiner Zeit ab; gefühlsmäßig kann er keine Loslösung vollziehen. Der Spannung im Künstlerischen, im Journalistisch-Wissenschaftlichen, im Politischen gesellt sich die religiöse Spannung, deren Heine sich durchaus bewußt gewesen ist, und die bei Sternberg besonders klar und eindrucksvoll zur Darsteilung kommt. Der Dichter selbst hat Sensualismus und Spiritualismus, sinnenfreudiges Hellenentum und düster-asketisches Nazarenertum einander gegenübergestellt und sich als künstlerisch empfindender und schaffender Mensch zum Sensualismus bekannt; aber ,,stets lebte unter der Oberfläche seines Bewußtseins eine geheime Sympathie, ja, eine versteckte Bewunderung für den Spiritualismus seiner Rasse“. Vom Mitgefühl für das Leid der Juden will und kann er sich nicht freimachen, während sich in seinem Verhältnis zum Judentum ,,eine Dialektik zwischen dem intellektuellen und dem emotionalen Faktor“ fraglos geltend macht: auch hier bleibt er mit den Kräften seines Gefühls an seine angestammte Religion gebunden und lehnt sie doch verstandesmäßig ab, bis er am Ende seines Lebens die Wendung zum Spiritualismus vollzieht. Indem Sternbergs Buch den steten, großen, geistigen Kampf in Heine aufzeigt, enthält es selbst sich, wie gesagt, jeder Kampfstellung, ohne doch damit auf ein gerechtfertigtes, oft negatives Urteil Heine gegenüber zu verzichten. Es will nicht verurteilen und nicht verteidigen, sondern verstehen. In sorgfältiger Analyse aller Schriften Heines werden die entscheidenden Ideen herausgearbeitet und die bestimmenden Gesichtspunkte gewonnen. Der Anlage und Art des Buches ist es zuzuschreiben, wenn Darstellung und Auffassung zu stark rationalistisch erscheinen, um dem rein Künstlerischen ganz gerecht werden zu können. In manchen Einzelheiten wird man mit dem Verfasser nicht übereinstimmen; Byrons Einfluß ist doch wohl stärker gewesen, als es bei Sternberg zum Ausdruck kommt; die Einwirkung des Volksliedes auf Heines Lyrik hätte berücksichtigt werden sollen. Doch können einzelne Aus- Stellungen dem WTert des Buches keinen Eintrag tun, das zweifellos eine wesentliehe Bereicherung der Heine-Literatur darstellt. _ Lotte Barschak.

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