Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 397 (sequence 2)
- Language
- German
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397 des deutschen Judentums überhaupt.. Während so oft den Juden vorgeworfen wird, daß sie in ihrer politischen Betätigung einseitig radikal sind, zeigt die aufgeführte Namensreihe, daß wir sie fast in allen Lagern finden. Aber eins ist den jüdischen Politikern, auch wenn sie den äußeren Zusammenhang mit dem Judentum durch die Taufe oder auch nur durch den Austritt abgebrochen haben, gemeinsam: sie setzen sich mit fast Fanatismus zu nennender Ueberzeugungstreue für die Ideen ein, zu denen sie sich bekannt haben. So sind sie alle in ihrer Art reine Menschen, die wiederum tragische Opfer des Juden־ Schicksals darstellen. Nur einer von ihnen, Moses Heß, fand die Synthese zwischen deutsch-politischer und jüdischer Betätigung. In das Wesen aller anderen kam durch die Beschäftigung mit der Politik ein Riß in ihre Stellung zum jüdischen Volkstum. Es bedurfte für manchen von ihnen, ich denke etwa an Gabriel Rießer, dann einer besonderen Ideologie, um eine neue Verankerung im Judentum zu finden. Dies gilt auch bekanntlich in erhebliebem Maße für Walther Rathenau, der eigentlich erst in der Zeit der Verfolgung zum Judentum zurückfand. Und noch etwas anderes Tragisches liegt über denn. Schicksal dieser Männer — es leuchtet deutlich aus den Lebensbeschreibungen Schays hervor — sie fühlten sich in ihrer politischen Tätigkeit durchaus, und wenn man von Moses Heß absieht, ausschließlich als Deutsche, während ihre politischen Gegner sie ebenso ausschließlich als Juden be- und verurteilten. Würde man sich diese stolze Linie erheblicher jüdischer Intelligenzen aus dem politischen Leben Deutschlands in der Vergangenheit und der Gegenwart fortdenken, so bedeutete dies eine Verarmung, die gewiß von den Judengegnern nicht zugegeben, aber durch das Urteil der Geschichte bestätigt wird. Ueber das jüdische Schicksal hinaus enthält der Band aber durch die enge Verflochtenheit der Tätigkeit dieser Politiker mit der der nichtjüdischen auch gleichzeitig eine Geschichte Deutschlands überhaupt► Neben Eduard Lasker erscheint Otto v. Bismarck. Karl Marx und Ferdinand Lassalle führen zu Friedrich Engels. Neben Gabriel Rießer stehen Heinrich von Gagern, Ernst Moritz Arndt und all die großen Männer der 48er Revolution. Ludwig Frank war der Weggenosse Friedrich Eberts. Rosa Luxemburg, deren menschliehe Größe man immer mehr erkennt, teilte das Schicksal ihres Freundes Karl Liebknecht. Hugo Preuß als der- Schöpfer der Weimarer Verfassung bleibt für alle Zeiten einer der Wegbereiter des neuen Deutschlands, zu denen auch in hohem Maße Walther Rathenau zu zählen ist. Die Totenliste ist lang, die das deutsche Judentum dem neuen Vaterlande zum Opfer gebracht hat. Skeptisch steht man mit Schay vor dem Ergebnis: Sind die Opfer, die man gebracht hat, anerkannt worden? Und, was noch wesentlicher ist, hat der Jude, der sich der Politik in die Arme warf, nicht oftmals sein Bestes, sein Judentum geopfert, um der Menschheit zu dienen? Vielleicht, daß die Zukunft einen neuen Typ des jüdischen Politikers gebiert, dem die Synthese von jüdischem Wesen und reiner politischer Betätigung zur Selbstverständlichkeit wird. Das Buch, das neue wissenschaftliche Erkenntnisse selbstverständlich nicht vermitteln will, ist als gedankenreiche Zusammenfassung nachdrücklich zu empfehlen. Mit ihm hat der Weltverlag für seine Leser und die Mitglieder des Heine-Bundes einen neuen Weg jüdischer Literatur gewiesen. Breslau. Willy Cohn. Jewish influence in modern thought (Jüdischer Einfluß auf modernes Denken). By Dr. A. A. R 0 b a c k, Sci-Art publishers Harvard Square, Cambridge, Massachusetts 1929. 506 S. $ 4,50. Das prachtvoll ausgestattete und mit zwanzig Illustrationen versehene Werk füllt eine fühlbare Lücke aus. Der Verfasser ist Biologe, Psychologe und ein Kenner der jüdischen Literatur. Er erweist sich als objektiver, ruhiger und vorurteilsloser Forscher. Die Objektivität geht bei ihm so weit, daß auch antisemitische Literatur verwertet wird. Den äußeren Anlaß zur Veröffentlichung des Buches gaben die zweihundertjährigen Geburtstage Mendelssohns und Lessings, die siebzigsten Geburtstage Bergsons, Husserls, Samuel Alexanders, Emile Meyersons und Ludwig Steins sowie der fünfzigste Geburtstag Einsteins. Das Werk behandelt in dreiundzwanzig Kapiteln kulturelle Pogrome und dire verheerenden Wirkungen, den jüdischen Genius, seine Auswirkungen auf