Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 316 (sequence 2)
- Language
- German
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316 denen er regelmäßig die Jahrgänge des Jahrbuches für jüdische Geschichte und Literatur eröffnete. Bernfeld benutzte außer diesen aber auch sorgfältig zur Ergänzung und zur Berichtigung einzelner Irrtümer die unterdessen noch erschienene Spezialliteratur, wie die Erweiterung der in den Anmerkungen zusammengestellten Quellen ergibt. An der Darstellung selbst mußte stilistisch vieles gebessert werden; die erste Ausgabe zeigte in dieser Hinsicht — wohl wie jeder erste Entwurf — eine Reihe von Mängeln, die Philippson sicherlich selbst bei einer Neu־Auflage abgestellt hätte. Ebenso ist manches, was Philipps01־1־ besonders auf geistigem, sozialem und religiösem Gebiet des jüdischen Innenlebens übersehen hätte, eingefügt worden. Am Standpunkt cles Verfassers, der übrigens gerade in diesem zweiten Band von Anfang an viel objektiver als im ersten Band seiner Geschichte zutage trat, ist nichts geändert worden. Nur wo allgemeine Urteile sich als überflüssig oder jetzt schon als überholt erwiesen, wurden Streichungen vorgenommen, sicher auch hier im Sinne Philippsons selbst. Die Neubearbeitung trägt überall den Stempel der Ehrfurcht, die dem Autor gebührt, und die auch da, wo sie zu Aenderungen gezwungen ist, im Sinne des echten Historikers handelt, der keine Korrektur scheuen würde, zu welcher die Geschichte selbst in ihrer lebendigen Entwicldung führt. Ueber das "Werk selber habe ich mich nach seinem Erscheinen in dieser Monatsschrift Jahrgang 1910 eingehend geäußert. Es hat sich unterdessen trefflich bewährt und wird sich in dieser neuen Auflage erst recht bewähren. Schlicht und einfach in der Schilderung, zuverlässig in der Dar- Stellung, besonnen und gemäßigt im Urteil, warm im Bekenntnis zum jüdischen Volk und seiner reinen Lehre ist es ein ausgezeichneter Führer durch die neueste Geschichte des Judentums, hervorragend geeignet zur ,,Lehr und Wehr‘6 für jüdische und nicht jüdische Kreise. Man muß Bernfeld für die gewissenhafte und verständige Bearbeitung, der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums für die Neu-Auflage, dem Verlag für die äußere Ausstattung dankbar sein und darf dem Buche weiteste Verbreitung in allen Kreisen wünschen. Freudenthal. Dr. Schimon Eederbusch: עיונים. Verlag Ewer, Warschau 5689. 157 S. In einem gut ausgestatteten Buch legt uns Federbusch, dessen Schrift über den Misrachi wir unlängst hier besprachen, neun verschiedene, z. T. höchst beachtenswerte wissenschaftliche ,,Forschungen“ vor. Sie behandeln philosophische, sprachwissenschaftliche, hauptsächlich soziologische Fragen, nicht immer unmittelbar jüdischen Inhalts, wohl aber immer die Urheberschaft eines jüdischen Denkers erkennen lassend, also immer jüdisch im formalen Sinn. Ihre Titel lauten: Erkenntnis und Judentum, Herren- und Sklavenmoral, das Judentum als Willensoffenbarung, soziale Unterdrückung, die Entwicklung des Wahrheitsbegriffs, was ist nationale Kunst, die Sinaitafeln, der assyrische Schafei im Hebräischen, Grenzen der Fachorganisation. Strenge Sachlichkeit, gedankliche Klarheit, Selbständigkeit des Urteils, ein vornehm einfacher hebräischer Stil, alLe diese Vorzüge, vereint mit der Vorliebe für soziologisches und historisch-psychologisches Denken, verraten eine gewisse, innere Verwandtschaft mit Achad Haam und vielleicht eine bewußte Nachfolge. Es spricht für den Wert des Buches, daß man auch dort, wo man den Anschauungen und Forschungsergebnissen des Verf. nicht bei pflichten kann, nachhaltige und fruchtbare Anregungen empfängt. Ich möchte, da sich hier ein näheres Eingehen auf den reichen Inhalt der einzelnen Abhandlungen verbietet, gerade einige solcher Punkte andeuten. Der Aufsatz ״Das Judentum als Willensoffenbarung“ berührt u. a. das Verhältnis des Judentums zur Kunst. Federbusch unterscheidet drei Epochen in der Geschichte der Aesthetik: zuerst gilt das Schöne lediglich als im Dienste des Sittlichen stehend, dann wird es in seiner, dem Sittlichen gegenüber vermeintlich indifferenten Selbständigkeit zu fassen gesucht, bis schließlich Kant seine innere Gegensätzlichkeit zu diesem erkennt. Das Judentum solL nun der Kunstverehrung keinen Raum gewährt haben, obwohl sie doch wenigstens im Sinne der Auffassung der ersten Epoche durchaus möglich gewesen wäre. Federbnsch findet die Erklärung von der Kantiseben Theorie aus. Das Judentum als Willenserscheinung reagiert in scharfem Gegensatz zur ästhetischen Reaktionsweise des uninteressierten Wohlgefallens notwendig unter dem Gesichtspunkt des sittlichen Zwecks auf alle Gegebenheiten, sucht überall