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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 3 · p. Seite 235

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 3
Article
[Rezension]
Date
1930-01-01
Page
Seite 235 (sequence 2)
Language
German
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235 Wege aufdecken. Schon sein erstes Kapitel, beschrieben Babel der Terminologie, kann zu Entgegnungen prinzipieller Natur führen. Nur der Zionist kann dem Gegenstand der Untersuchung verhältnismäßig frei gegenüberstehen, denn er hält den Antisemitismus für eine Folge der jüdischen Diaspora. Er betrachtet ihn also als eine Erscheinung, die zugleich mit der Diaspora selbst liquidiert zu kennen. — Ob aber jetzt der Zionist nach den neusten Vorgängen in Palästina bei dieser ihm von Bern•׳ stein unterschobenen Ansicht bleiben wird, wagen wir zu bezweifeln. Von den nichtzionistischen Juden meint der Verfasser aber, daß ihre Beobachtungen und Schlüsse dem Einfluß absichtlicher oder unabsichtlicher Zwecksetzung unterliegen, sie ׳werden statt zu beobachten und zu schließen, immer der Verführung verfallen, zu polemisieren, Beschuldigungen gegen die Juden zurückweisen und so den Antisemitismus als etwas Verwerfliches darzutun . . . Außerdem wirkt der Wille zur Bekämpfung des Antisemitismus fälschend auf das Untersuchungsergebnis. Diese Anschauung ist nicht neu; sie entspricht der Mentalität radikaler Zionisten, von denen der Verfasser sie auch übernommen hat. Es ist deshalb nicht notwendig, auf seine weiteren Ausführungen einzugehen, ebensowenig darauf, daß die Bezeichnung Antisemitismus irreführend ist und durch das Wort ,,Judenhaß“ ersetzt werden muß. Viel objektiver gehalten sind die folgenden Kapitel, in denen der Verfasser die Minderwertigkeit, Feindschaftsursprung, Gruppe und Gruppenfeindschaft soziologisch untersucht. Es verbietet uns der Raum, auf Einzelheiten einzugehen, bemerkenswert ist aber die Anwendung seiner Schlußfolgerungen auf die antisemitischen Erscheinungsformen im sechsten Kapitel und schließlich die Schlußbetrachtung des Verfassers, in der auseinandergesetzt wird, daß nur ein jüdisches Volk, das geschlossen in seinem Lande lebt, vermutlich den Anfeindungen seiner Nachbarvölker ausgesetzt sein muß und sich abwechselnd mit ihnen schlagen und vertragen, wie das so der Lauf der Welt ist; aber die Feindschaft zwischen dem jüdischen Volk und seinen Nachbarn wird immer nur eine normale Feindschaft von Volk zu Volk sein, und nicht jener fluchbeladene Haß, der die Trümmer des gequälten Volkes durch zwei Jahrtausende über die ganze bewohnte Erde gejagt hat. Dem Juden liegt aber nichts daran, ob ihm droht, normal oder anormal erschlagen zu werden, der Endeffekt bleibt derselbe. Daß der Verfasser von dem besten Willen geleitet, daß er von der Un-!Möglichkeit, dem Antisemitismus ein Ende in der Diaspora zu machen, überzeugt ist, glauben wir ihm, aber wir meinen allerdings, daß seine Ausführungen des öfteren als tendenziös und übertrieben bezeichnet werden müssen, und daß seine persönliche Einstellung ihm die Dinge vielfach anders erscheinen läßt, als wie sie sich tatsächlich entwickelt haben. Julius Rothholz. Matthias Miesess Der Ursprung des Judenhasses. Benjamin Harz, Verlag, Berlin, Wien. Zwar ist das umfangreiche Buch von Mieses schon vor einigen Jahren erschienen. Trotzdem scheint es angebracht, an dieser Stelle noch darauf zurückzukommen, weil sein Inhalt nicht veraltet ist. Im Gegenteil läßt der sehr fleißige und erfolgreiche Spürsinn des Verfassers bei der Auswahl und Verarbeitung einer ungewöhnlich verbreiteten und vielseitigen Literatur über den Judenhaß seine Gründe noch deutlicher hervortreten. Aber Mieses und Bernstein, dessen Buch, der Antisemitismus als Gruppenerscheinung, wir oben besprochen haben, können als Antipoden angesehen werden, der letztere, als fanatischer Zionist, sucht aus dem Judentum das Völkische möglichst herauszuarbeiten, und er glaubt, der Antisemitismus könne nur zum Verschwinden gebracht werden, wenn die Juden einen selbständigen Staat in Palästina ins Leben riefen, während Mieses eine Apologie der jüdischen Religion schreibt. Ein jüdisches Palästina kann, so resümiert sich Mieses am Schlüsse, für das Prestige des Judentums viel bedeuten, für die Judenfrage als solche aber recht wenig. Die große Tragödie der ewigen Minderheitslage der Juden kann durch den Zionismus auch im günstigsten Falle bei den idealsten Ent- Wicklungsbedingungen nicht ihr Finale finden. Einig ist er mit Bernstein in der Verwerfung der Assimilation der Juden mit den Völkern, unter denen sie wohnen, aber er weist auch die zionistischen Bestrebungen zurück und hält es für das beste, daß die Juden dort bleiben, wo sie sind, und auch im großen und ganzen wie sie sind. Er glaubt an die Zukunft, er ist erfüllt von

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