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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1929-01-01 · Heft 6 · p. Seite 350

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
73 (1929)
Issue
Heft 6
Article
Das jüdische Prag der Gegenwart in Zahlen
Date
1929-01-01
Page
Seite 350 (sequence 1)
Language
German
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•/ / 350 inneren ־and äußeren Umwälzungen im nationalen Leben Mitteleuropas hat sich die tschechische Sprache ihren wesentlichen Einfluß auch im Leben der jüdischen Familien Prags erkämpft. Dieser Prozeß wurde durch die starke Abwanderung des meist tschechisch sprechenden Landjudentums in die Metropole Böhmens unterstützt. Seit 1918 überwiegt der Gebrauch der tschechischen־ Sprache unter den Juden Prags den der deutschen. Trotz des Mangels einer sprachlichen Eigenart haben die Juden Prags ihre nationale Besonderheit niemals verloren, was hauptsächlich auf die große Seltenheit der Mischehen zurückzuführen ist. Eine Statistik, die die Nationalität der Bevölkerung Prags feststellt, gibt es erst seit dem Jahre 1880. Zu diesem Zeitpunkt ist die jüdische Nationalität bekanntlich noch nicht anerkannt. Für die Juden wird eine Nationalitätenstatistik zum ersten Male bei der Volkszählung des Jahres 1921 geführt. Es entfallen auf die 676 657 Einwohner Prags danach 5959 Juden, 90 auf 10000. In den vorhergehenden Jahren führt die österreichische Statistik, die nur die Muttersprache feststellt und nach ihr' nationale Schlüsse zieht, die Juden, von der Zählung der jüdischen Konfession abgesehen, nur als Juden deutscher oder tschechischer Muttersprache. Die Juden konnten in Prag ursprünglich weder ihren Beruf noch ihren Wohnbezirk frei wählen. In Prag war ihnen ein Teil der Altstadt, die spätere ,,Judenstadt“ oder ,, Josefov“, zugewiesen. Von den Gemeinden, die heute zu Groß-Prag gehören, hatte nur noch Lieben eine selbständige Judengemeinde. Das Verbot jüdischer Siedlung außerhalb der Grenzen der Judenstadt wurde bis in die josefinische Zeit hinein streng eingehalten. Erst die Regierung Josef II. und Franz I. bringt eine Erleichterung der antijüdischen Gesetzgebung, freilich nur in bezug auf das Wohnrecht, indem sie den Juden das Wohnrecht in der ganzen Altstadt freigibt. In dieser Zeit strömt ein großer Teil der Prager Judenschaft auf das böhmische Land und siedelt sich, besonders in Südböhmen, an. Seine Hauptbeschäftigung auf dem Lande ist Landwirtschaft. Erst das Jahr 1859 bringt die vollständige Freiheit der Siedlung und Berufswahl. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bringt mit den allgemeinen Veränderungen auch das Judentum in eine neue wirtschaffliehe Lage. Im Kleinhandel, dem es sich bisher in hohem Maße widmet, wird die Konkurrenz der christlichen Kaufleute immer größer. Das Schwergewicht der Tätigkeit muß deshalb in den Großhandel, die Großindustrie und das Finanzwesen verlegt werden. Um die gleiche Zeit setzt eine natürliche Rückwanderung des Judentums aus den Landgemeinden in die Städte ein: denn die neuen Wirtschaftszweige bedürfen für ihre Entwicklung der Stadt. Diese Landflucht der Juden ist für die kulturelle Entwicklung des Judentums der Tschechoslowakei vom demographischen Gesichtspunkte zweifeilos eine der ausgeprägtesten Erscheinungen. Sie erreicht ihren Höhepunkt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, fällt dann ein wenig ab, um aber in einer gewissen Höhe bis auf den heutigen Tag erhalten zu bleiben.

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