Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 339 (sequence 2)
- Language
- German
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389 Politik durchzuführen. Selbst die schärfsten Judengegner, wie die Breslauer Kaufmannschaft und manche Fürsten, sind zeitweilig den für Schonung der Juden sprechenden Gründen: ihrer Unentbehrlichkeit für den Osthandel, ihrer bei äußerster Anspannung, ergiebigen Steuerkraft, nicht unzugänglich. Der Vorteil ist stärker als das Vorurteil. Dem Schwanken, dem Zwiespalt der Gegner gegenüber behielt die Judenschaft zwar ihr Ziel, gesicherte Ansässigkeit und Freizügigkeit, stets fest im Auge, aber ihre Taktik mußte wechseln. ,,Wunderlich und winkelig wie die Judengassen selber“, schreibt Rabin, ,,waren die Wege, die die Politik der Juden im 17. Jahrhundert im Kampf ums Recht zu gehen gezwungen war.“ Aber sie führte schließlich doch von dem Austreibungserlaß Rudolfs II. 1582, zu dem Toleranzedikt Karls VI. von 1713, ,,von der ständigen Gefahr der Vertreibung über absolute Rechtlosigkeit, Privilegierung der einzelnen und ganzer Gemeinschaften zu der Tolerierung aller Juden ,,sowohl der ansässigen als der unansässigen“ in Schlesien“. ,,Fast am Ende dieses Weges, 1707, steht vereinzelt, seltsam und phantastisch ein Versuch der Juden Schlesiens, ihr Recht auf Bodenständigkeit, Eigenart und freie Entfaltung auf einer andern Basis als der ihrer Wirtschaftliehen Einträglichkeit für andere oder ihrer Bedeutung als Faktor politischer Sonderinteressen aufzubauen.“ Damals als das Eingreifen Karls XII. von Schweden durch die dem Kaiser abgezwungene Altranstädter Konvention den Evangelischen Schlesiens weitgehende Erleichterungen des bisherigen Glaubens- Zwanges brachte, die von ihnen dankbar und begeistert begrüßt wurden, wagten auch die Juden, in einer Denkschrift an den schwedischen Gesandten Baron von Strahlenheim die Ausdehnung der gewährten Gewissensfreiheit auf sie selbst zu erbitten. Diese von dem Verfasser zuerst veröffentlichte Denk- Schrift, deren Entstehung ganz in Dunkel gehüllt ist, hat zwar keinerlei Wirkung gehabt, bleibt aber doch ein denkwürdiges Stimmungsbild aus den letzten Zeiten des Kampfes gegen den Glaubens zwang. . Was die vorliegende Schrift vornehmlich für die Rechts- und Verfassungsgeschickte beigebracht hat, will der Verfasser erfreulicherweise durch Darstellung des Wirtschafts- und Geisteslebens zu einem Gesamtbilde des schlesischen Judentums jener Zeit ausbauen. Seine ganze wissenschaftliche Persönlichkeit bürgt dafür, daß dies im selben Geiste und mit gleich dankenswertem Gelingen geschehen wird, wie kürzlich erst die Jüdische Ausstellung in Breslau die Geschichte der Juden in Schlesien als Zweig der ganzen schlesischen Landesgeschichte veranschaulicht hat. Heinrich Wendt. Goulven* J,s Les Mellahs de Rabat-Sale, Paris: Paul Geuthner, 1927. Die. Geschichte der nordafrikanischen Juden ist noch ,wenig geklärt. Die Existenz ״autochthoner“ jüdischer Gruppen meist berberischer Zunge im marokkanischen und algerisch-tunisischen Hinterland hat im Verein mit den Nachrichten über jüdische Berberstämme zur Zeit der muhammedänischen Eroberung zu fantastischen Theorien Anlaß geboten, wie sie sich zuerst in Markus Fischers תולדות ישראל (Krakau 1817) finden und noch -in den einschlägigen Werken von Slouschz spuken. Nach Slouschz reicht die jüdische Einwanderung hier weit in die vorrömische Zeit zurück. Durch Aufsaugung puniseher und Assimilation herberischer Elemente verstärkt, bildeten die Juden in byzantinischer Zeit einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung des flachen Landes. Erst unter dem Islam verwandelten sich diese ,,Hirten und Ackerbauer“ zum Teil in Bürger, andere behielten ihre Lebensweise bei und sind die Ahnherren der ,,autoehthonen“ Juden Nordafrikas geworden. Aber diese Behauptungen, die auf willkürlichen Kombinationen, fantastischer Auslegung arabischer Berichte und kritikloser Benutzung mittelalterlicher jüdischer Reiseromane beruhen, sind unhaltbar. Von dem vorrömischen Judentum in Nordafrika wissen wir garnichts, die Kirchenväter und byzantinischen Historiker erwähnen, die' dort angeblich so. zahlreichen Juden nur selten, und die Araber schweigen über die mittelalterlichen Juden- Stämme der Sahara,'von denen Slouschz fabelt. An der Missiönstätigkeit des Judentums bei den Berbern ist freilich nicht zu zweifeln, da sich ihre Spuren noch heute in der Sage und in dem Heiligenkult bestimmter von 22*