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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1929-01-01 · Heft 4 · p. Seite 254

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
73 (1929)
Issue
Heft 4
Article
[Rezension]
Date
1929-01-01
Page
Seite 254 (sequence 2)
Language
German
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254 Erde eine Reihe von Veränderungen in der Formation (Gestaltänderungen, Fluten, Eiszeit) und den meteorologischen Zuständen hervor, bis es zur Katastrophe (Kataklysmus) kommt: der Mond birst und stürzt auf die Erde. Diese Katastrophen haben sich verschiedentlich wiederholt, unser jetziger Mond ist natürlich ein anderer als der tertiäre, sekundäre usw. Die mit diesen kosmischen Vorgängen verbundenen Störungen der terrestrischen Verhältnisse (Sintflut, Sintbrand usw.) sind uns durch viele Dichtungen und Mythen erhalten geblieben: diese Dokumente entspringen nicht freier Phantasie, sondern der Erinnerung der Zeitgenossen jener Kataklysmen und ihrer Nachkommen. So werden die Bericnte der Edda, die Berichte der Bibel über Schöpfung, Sintflut, Turmbau, Paradies usw., aber auch die Offenbarung Johannis und literarisches Urgut anderer Völker nach dieser Richtung als Reminiszenzen an die großen Geschehnisse gedeutet. Die Hörbigersche Theorie nimmt Rinzpeter ohne kritische Stellungnähme an. Er bezeichnet diese Lehre ״wohl als das Gewaltigste, was je ein Menschengeist der Mitwelt zu geben vermochte.‘4 Den Namen Hörbiger habe ich nirgends im Zusammenhänge wissenschaftlicher Diskussionen gelesen und nirgends gesehen, daß seine Lehre Eingang gefunden hätte. Als ernst zu nehmender, wissenschaftlicher Lösungsversuch ist sie wohl nicht zu hetrachten. Vermutlich ist durch sie nur die Schar der Hypothesen um eine vermehrt. Schlimmer ist aber etwas anderes: Die ganze Genesis, wichtige Abschnitte aus Ezechiel, Daniel, Hiob werden gewaltsam in den Dienst der Theorie gespannt In immer neuer Variation werden jene stürmischen Naturprozesse allem zugrunde gelegt, was die verschiedenen Religionen, Mythologien usw. zu den Themen: Sintflut und Wiedergeburt, Paradies und SündenfaLl, Götter, Riesen und Menschen, Dracbenfesselung und Befreiung, Götterdämmerung und Jüngstes Gericht u. 9. m. zu sagen haben. Schon die Einseitigkeit, mit der H. durchaus monoman alles, auch das der Zeiten Ende Zugewandte in jene Zeit der Kataklysmen zurückprojiziert, erweckt Verdacht. So leicht lassen sich keine religionsgeschichtlichen Probleme, insbesondere nicht ihre Gesamtheit lösen. Sobald aber die Tendenz des Buches zum Durchbruch kommt, braucht man nicht bei einzelnen Mängeln stehen zu bleiben. Es steht durchaus im Dienste der ״arischen Wissenschaft“, beruft sich auf Kossinna, Hauser, Zschaetzschu. a. als Autoritäten. S. 104 u. ff. werden die Arier (nordische Rasse) als Herrenvolk den weit unter ihnen stehenden Adams(Udumi־)leuten gegenübergestellt. Die Vertreibung aus dem Paradiese (Eden, das Asgard, Atlantis gleichgesetzt wird) wird als Akt der Notwehr der Goten (= Götter Äsen) bezeichnet. Hinzpeter wird noch deutlicher und läßt keinen Zweifel daran, daß es sich dabei um biologisch-politische Staatsfragen allerersten Ranges handelt, und daß die Sagen Perspektiven und Probleme offenbaren, die bis in unsere Zeit und darüber hinaus reichen, und die noch heute einer Lösung harren (der letzte Satz ist ein fast wörtliches Zitat). Gegenüber dieser Tendenz verschwinden die anderen Mängel. Doch sei ergänzend auf einige besonders krasse philologische Experimente und andere Behauptungen hingewiesen. Ich greife beliebig heraus: S. 174 wird behauptet, der Talmud schreibe vor, beim Reinigen nach den Ausleerungen die linke Hand zu gebrauchen, ״um sich vor dem Satan zu schützen“. B. führt die talmudische Stelle nicht an, weiß auch nicht, wo sie steht. Er hat sie irgendwo (wohl bei Jeremias) gefunden. Es handelt sich um den Passus in Berachöt 62a, wT0 zwar dieser Din, der ja auch in die Codices übergegangen ist, steht, nicht aber die Begründung; es finden sich dort eine Reihe anderer, nur nicht diese. Schlimm ist seine Neigung zur Koprolalie: Drache wird mit Dreck gleichgesetzt, Satan mit dem englischen ״shit“ (um das deutsche zu vermeiden; ich folge hier H.). שטן wird auch mit שתן identifiziert, das ״urinieren“ bedeutet. Necboschet (das R. Nechischet schreibt), bedeutet nach H. Schlangenkot. Es finden sich noch schlimmere Schnitzer. Ich habe der Besprechung solche Ausführlichkeit gewidmet, um paradigmatisch ein Buch, dessen Tendenz des wissenschaftlichen Antisemitismus nur e i n mal deutlich, sonst aber verhüllt ist und von pseudowissenschaftlichen und völlig phantastischen Gedankengängen überwuchert wird, für die ganze Gattung anzuprangern und es wissenschaftlich und menschlich ganz deutlich zu kennzeichnen. Berlin. Oskar Wolfsberg.

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