Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 2)
- Language
- German
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253 macht er den assimilierten Juden Wiens, daß sie vermöge ihrer gesellschaftlichen Stellung die Sache der jüdischen Rechte — wenn auch unbeabsichtigt — fördern, aber das Judentum bedeute für die rationalistisch erzogene Jugend bestenfalls eine. ruhmvolle Vergangenheit, eine überwundene Religion, sonst nichts. Für diese Assimilanten, meist, aus den intellektuellen Kreisen sich zusammensetzend, hat Bato nichts übrig; um so höher stellt er das Verdienst aller derer, die in den Zeiten des Abfalls allen Lockungen Widerstand leisten und trotz ihrer sozialen Stellung dem Judentum in standhafter Treue ihre Anhänglichkeit beweisen. Visionär sieht er die Zeit kommen, wo nach Wien neue Judenmassen hereinströmen, die dem Geschicke der Gemeinschaft eine ganz neuartige Entwicklung geben. Die Toleranzjudenschaft ist tot, so endet er pathetisch, eine neue Phase der Wiener jüdischen Geschichte hebt an. Nach dieser seiner Einstellung kann man Bato zu den Verfechtern des nationalistisch angehauchten Judentums rechnen, und da kein Mensch über seinen Schatten springen kann, so ist es ihm, dem Parteimann, nicht zu verübeln, wenn er der Aufklärungszeit und dem Reformjudentum alle Schäden zuschreibt, die sich gegenwärtig im Judentum zeigen. Doch sein Buch ist flott geschrieben, enthält viel interessante Reminiszenzen an das alte und das nachmärzliche Wien, und Freund und Feind wird seine Lektüre anregen. 3. Die Sittlichkeit in Ziffern? Robert Michels, der gelehrte Verfasser, beschäftigt sich nicht mit jüdischen Belangen, nur ammanchen Stellen werden jüdische Verhältnisse in den verschiedensten Ländern gestreift. Aber trotzdem ist das neue Buch von Michels für jüdische Kreise sehr lesenswert. Schon die ersten Vorläufer der modernen Moralstatistik haben von der Aus־ drucksfähigkeit derselben eine sehr hohe Meinung gehabt, und gegenwärtig wird die Moralstatistik sehr oft grade in Deutschland zur Herabwürdigung der jüdischen Religion und seiner Bekenner in der umfassendsten und grade nicht rühmlichen Weise benutzt. Aber die Moralstatistik ist ein schwer zu handhabendes und mit großer Vorsicht zu gebrauchendes Werkzeug für die Messung der seelischen oder moralischen Verhaltung einer Bevölkerung oder gewisser Volksteile, zumal wenn sie nicht gleichmäßig gegliedert.sind. Auf diesen Mangel hinzuweisen, war ein Verdienst des großen fortschrittlichen Kriminalisten Liszt, der die falschen Schlüsse kritisierte, die man aus den zahlenmäßigen Ergebnissen der Kriminalstatistik seiner Zeit zog. Und zu demselben Resultat kommt Michels auf dem Gebiete der Sexualstatistik. Er resümiert sich dahin, daß die unendliche Hauptmasse der Erscheinungen sich dem groben Instrument der Statistik völlig entzieht. In das Allerheiligste des menschlichen Seelenlebens, das Allerintimste des menschlichen Trieblebens einzudringen, ist und bleibt ihr versagt. Somit ist es auch unrichtig, daß die Moralstatistik, wie manche meinen, zwar keine Statistik der Moralität, aber doch immerhin eine Statistik der Immoralität bedeute. Denn die Statistik gibt nur die in Zahlen ausgedrückte nackte Tatsache, sie ist ihrem Wesen nach deskriptiv, tatsachenberichtend, ohne die qualitativen Elemente der Urteilsbildung moralischer Observanz genügend bewerten zu können. Ein umfangreiches Material bringt Michels zur Erhärtung seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung bei, und man kann deshalb dem ernsten Erforscher der Sittenanalyse das vorliegende Werk zum eifrigen Studium dringend empfehlen. Dabei sei noch hervorgehoben, was auch Michels tut, um Irrtümer vorzubeugen, daß die Verdienste der Statistik auf vielen Gebieten zweifellos sind, nur auf dem Gebiete der Sittenanalyse ist sie nicht das zureichende Instrument. Julius Rothholz. Georg Hinzpeter: Urwissen von Kosmos und Erde. Die Grundlagen der Mythologie im Licht der Welteislehre. R. Voigtländers Verlag, Leipzig 1928. Es ist schwer, über dieses Buch in gewohnter ruhiger Weise zu berichten. Die wissenschaftliche Basis, auf der es ruht, ist höchst unsicher, und die Deutung der Sagen und Mythen von bedenklichster Willkür und Charlatanerie. Wissenschaftliche Grundlage des Buches ist die sogenannte Welteis lehre, die Hörbiger in seiner Gl azi alk.osm ogonie dargestellt hat. Diese Theorie besagt, daß in früheren astronomischen Zeiten unser Sonnensystem reicher an Planeten gewesen sei als jetzt. Durch den Weltraumwiderstand, den die den Weltraum in feinster Verteilung erfüllende Materie bewirkt, wird der Mond mehr als die Erde gebremst, schraubt sich dichter an diese heran, umkreist sie allmählich immer schneller, ruft auf der