Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Studien zur Redaktion des babylonischen Talmuds
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 1)
- Language
- German
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131 Studien zur Redaktion des babylonischen Talmuds. Von Dr. Abraham Weiß in Warschau. Wer einmal Talmud — sei es auch nur oberflächlich — gelernt hat, mußte sich schon die Frage vorlegen: Wie ist dieses in der Weltliteratur einzig in seiner Art dastehende Werk als Ganzes entstanden und welchen Entwicklungsweg haben die in ihm enthaltenen einzelnen, in sich abgeschlossenen Partien, die unter dem Namen Suggioth bekannt sind, durchgemacht. Von der ersten Frage wollen wir hier ganz absehen und bloß den Versuch machen, der zweiten etwas näherzutreten. Es gibt Suggioth, deren Entwicklungsgeschichte sich sehr leicht verfolgen läßt; es sind dies jene Suggioth, deren logischer Entwichlungsgang mit dem chronologischen sich deckt: sie sind eben nach diesen beiden Prinzipien geordnet. Hingegen steht man in manchen Suggioth wie vor einem unlösbaren Rätsel. Dies ist insbesondere da der Fall, wo die Suggia ganz oder auch nur teilweise anonym ist. Das chronologische Kriterium entfällt völlig oder mindestens teilweise, und es bleibt bloß das der logischen Entwicklung und dieses eben ist für die Feststellung der Entwicklungsgeschichte in den meisten Fällen unzulänglich. Wir verfügen wohl zuweilen noch über das philologische Kriterium1. Das aber ist einerseits eine ziemlich seltene Erscheinung, andererseits kann es nur gepaart mit den anderen entsprechende Bedeutung gewinnen. Gemeinsam ist all diesen Kriterien, daß mit ihrer Hilfe aus dem bloßen Einzeltext allein seine Entstehungsgeschichte herausgelesen werden muß. In manchen Fällen besteht für uns noch die Möglichkeit, eine Stelle durch die Vergleichung mit Paralleltexten zu klären. Auf Grund solcher vergleichender Textstudien können wir manchmal Einblick gewinnen in die Werkstätte, in der der Talmud entstanden ist, und zuweilen für einen kurzen Augenblick die Meister bei ihrer Arbeit belauschen. Dieser Weg der Textvergleichung ist zweifellos schwierig und obendrein besonders schlüpfrig; schwierig, weil man oft mit ganzen, ausführlichen Suggioth operieren muß; und schlüpfrig, weil die bei dieser Methode sich ergebenden Probleme zuweilen mehr als eine Lösung zulassen. Es ist daher auch nicht unsere Absicht, alle Probleme zu berühren, die sich bei vergleichenden Textstudien ergeben, geschweige denn sie zu behandeln und einer Lösung zuzuführen. Wir stellen uns vielmehr bloß zur Aufgabe, auf einige solcher Fragen aufmerksam zu machen, und auch diese wollen wir nur ad hoc behandeln und soweit als möglich davon absehen, allgemeine Schlüsse auf die talmudische Redaktion zu ziehen. Mit anderen Worten: wir wollen hier nur einige talmudische Texte im Spiegelbild ihrer Parallelstellen betrachten und mittelst desselben im Rahmen der gegebenen Kriterien den Versuch machen, ihrer Entstehungsgeschichte nachzugehen, ohne jedoch daraus vorläufig weitere, allgemeine Schlüsse zu ziehen, es sei denn, daß sie sich von selbst auf drängen. 1 S. unsere Ausführungen in der Blaufestschrift (Hazofe X) S. 150 f* und 154 f. 9*