Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 550 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829951-2829957-2834944--48652-2835072- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
550 aber wäre die wichtigste Aufgabe, die Masora der Syrer zu erschließen, die seit den wertvollen Arbeiten Diettrichs wieder ganz in den Hintergrund getreten ist. Freilich dürfte sich eine einfache Herausgabe der Texte selbst als zu kostspielig und umständlich kaum empfehlen. Wohl aber müßte es möglich sein, ihre Angaben etwa nach dem Vorbild von Landauers Masora zum Targum Onkelos in handliche Form zusammenzufassen. Damit würde auch für eine künftige Ausgabe des Textes selbst eine der wichtigsten Vorarbeiten geleistet sein. Dem Verf. aber gebührt der Dank der Wissenschaft dafür, daß er mit seiner sorgfältigen Arbeit wieder an eine ihrer dringenden Pflichten gemahnt hat. C. Brockelmann. N. M. Gelber; Vorgeschichte des Zionismus. Judenstaatsprojekte 1696—1845. Phaidonverlag, Wien. Wir wissen heute schon lange, daß die zionistische Idee nicht mit Theodor Herzl plötzlich entstanden ist, sondern in ihm nur eine neue, allerdings entscheidende Form annahm. Die Arbeiten von Böhm: Die zionistische Bewegung und von Sokolow: Geschichte des Zionismus haben uns dann neben manchen anderen tiefer in die Zusammenhänge hineinschauen lassen. Trotzdem beansprucht auch das vorliegende Werk besondere Beachtung, denn der Verfasser fußt in ihm auf neuen aus den Archiven erschlossenen Quellen. Der Gedanke der Wiederaufrichtung des Judenstaates ist in der Weltgeschichte immer wieder aufgetaucht, und zwar sowohl in jüdischen wie in nicht jüdischen Köpfen. Im 17. Jahrhundert — damit beginnt der Verf. — fand der Plan des Dänen Holger P a u 11 i besonderen Widerhall. Ein mystisch veranlagter Mensch — seine Berichte sind in einer schwülstigen Sprache abgefaßt — versucht, die Regierungen Europas für seine Ideen zu interessieren. Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, häufen sich die Projekte. Man empfindet immer stärker das welthistorisch den Juden angetane Unrecht. An Mendelssohn tritt ein solches heran, ein anderes wirkte auf den jungen Schiller, als er seine Räuber abfaßte, ein. Eingehend beschäftigt sich der Verf. sodann mit Napoleons Judenstaatsprojekt. Für den Korsen ist diese Frage lediglich eine politische, die an Interesse verliert, als andere ihn in Anspruch nehmen. Im 19. Jahrhundert kommt die Frage nicht mehr zur Ruhe. Auf dem Aachener Kongreß 1818 ist es ein Engländer, Lewis W a y, der sie anschneidet. 1825 befassen sich die russischen Dekabrisfcen mit einem derartigen Projekt aus antisemitischen Gründen, von größerer Bedeutung aber wird der Plan des Amerikaners Mordechai Immanuel Noah, für den Gelber eine Menge Material beibringt. Trotz groß aufgezogener Versuche fand der Amerikaner in der Judenheit der Welt gar keinen Widerhall. In den Jahren 1830—39 hielt ein König von Jerusalem die Metternichs che Polizei in Wien in Erregung, und dieser Tatsache verdanken wir es, daß der Verf. eine Menge ergiebiges Material beim Studium der einschlägigen Akten ans Tageslicht fördern konnte. In dieser Angelegenheit wurde der Direktor der Tarnopoler deutsch-jüdischen Hauptschule Josef Perl gutachtlich gehört, und sein von Gelber abgedruckter Bericht gibt einen guten Einblick in die Schichtungen der vormärzlichen polnischen Judenheit. Der eigenartigen Persönlichkeit des in dieser Angelegenheit agierenden S e y f a r t sollte noch weiter nachgegangen werden. Die Damaskusaffäre und das Jahr 1840 zeigten mit einem Male die so gänzlich labile Situation des jüdischen Volkes. Fast überall dämmerte gleichzeitig die Erkenntnis auf, daß die Assimilation keine endgültige Lösung der Judenfrage bedeute. Vielleicht hätte Gelber in diesem Zusammenhänge auch auf die berühmte Aeußerung des 15 jährigen Ferdinand Lassalle aus seiner Zeit als Leipziger Handelsschüler hinweisen können, in dem beinahe ein halbes Jahrhundert vor Herzl dem jüdischen Volke der Führer zum politischen Zionismus erstanden wäre. Damals ertönen englische Stimmen für die ,,Restoration of the Jews“. In London verhandelt man über die Palästinafrage. In Berlin erscheint eine Broschüre ,,Neujudäa“, aber die Judenstaatsidee findet in Deutschland einen heftigen Gegner in der Person des Herausgebers der ,,Allgemeinen Zeitung des Judentums“ Dr. Ludwig Philippson. Die geistigen Gegner, die noch heute auf derselben Linie miteinander ringen, stoßen aufeinander.