Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 438 (sequence 2)
- Language
- German
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438 erscheint, verständlich: er ist die erste Oberquinte des Zentraltons, daher besonders gewichcig. Und vollends jener Ton, mit dem man die mit dem Gottesnamen endende Parschah abschließt, ist der Zentralton selbst, demnach für den feierlichen Ausklang besonders geeignet. (Bisher hatte man gerade hier das Gefühl des Abrupten.) Die Erkenntnisse, die aus Schönbergs Buch hier erblühen, sind außerordentlich wertvoll: nicht allein für die Thoravorlesung selbst, auch für die ungemein zahlreichen traditionellen Gesänge, die unmittelbar auf ihr fußen. Doch hier fehlt dem Verf. der Mut; anstatt aus den unbestreitbaren Ergebnissen seiner wissenschaftlichen Untersuchung richtig zu folgern, daß Baers (und auch alle anderen vorhandenen) Notierungen falsch sind (aus Mangel an eben dieser wissenschaftlichen Betrachtung), nimmt er die Notierung als sakrosankt und damit das Eindringen fremder Einflüsse an. Jedoch schon einen Schritt weiter sind des Verf.s Schlüsse hinfällig. Schon die N’ginoth der hohen Feiertage sind nicht pentatoniseh, sondern fußen auf dem Steiger, u. z. auf dem Adonaj moloch-Steiger. Der größte Fehler des Buches besteht darin, daß der Verf. das Wesen des Steigers nicht erkannt hat. Hier ist er durch Baer irregeführt worden, der in der Vorrede seines Werkes eine ganz falsche Definition gibt: ,,Da jeder tüchtige Vorbeter seinen eigenen, sogenannten ,,Steiger“ (Art und Weise seines Gesanges) kultiviert und solchen durch seine Schüler zu verbreiten bestrebt ist.“ Diese Definition übernimmt Schönberg (S. 10), doch scheint sie ihn nicht ganz zu befriedigen, denn später (S. 29) gibt er eine andere: ,,Melodien von Kirchenton־ und higazähnlicher, sonst aber moderner Tonalität.“ Beides ist ganz falsch. Steiger ist ein rein theoretischer Begriff und bedeutet nicht Melodie, sondern: Ton- 1 e i t e r (Steiger Treppe Leiter Tonleiter Skala), zum Unterschied von dem arabischen maqam, der beides bedeutet. Das hätte der Verf. den von ihm angeführten Schriften Josef Singers ,,Die tradit. Tonarten“ und Aron Friedmanns ״Der syn-ag. Gesang“ leicht entnehmen können. Letzterer schreibt z. B. (S. 46): ״Wie die Kirche von ״Kirchen ton arten“, können wir von ״Synagogentonartendank den unermüdlichen Forschungen des Oberkantor Singer sprechen. Allein Herr Singer liebt das Antike und möchte die altehrwürdige Bezeichnung ״Steiger“ behalten.“ — Daß die Steiger nicht, oder nicht durchwegs späten Ursprungs sind, beweisen die Ausführungen von Em. Kirschner (Liturgische Uebungen, Heft I, Verband der jüd. Lehrervereine), die mir ebenso geistvoll, wie unwiderlegbar zu sein scheinen, u. zw. bezüglich des von Singer in seiner Bedeutsamkeit, wie auch Verwendungshäufigkeit arg verkannten Adonaj moIoch-Steigers. Leider scheint Schönberg hiervon keine Kenntnis zu haben., und seine Verkennung des Steigers veranlaßt ihn, mit den verzwicktesten Mitteln (Einschiebsei, diatonische Floskeln, Durmoll-Wendungen u. ä.) sein System, das nun so und soviele Ausnahmen konzedieren muß, zu flicken. Und doch ist mit dem Steiger alles zwanglos zu erklären, moderne Verwässerung auf den ersten Blick zu erkennen. Sehr interessant und geistvoll hingegen sind die historischen und stilistisehen Untersuchungen der Abteilung c) ״Ueberblick über die traditionellen Gesänge.“ Hier weist der Autor zunächst nach, daß die Annahme, protestantische K i r c h e n gesänge wären in den Synagogengesang eingedrungen, irrig sei. Uebernommen wurden vielmehr nur Volks gesänge, (die ihrerseits wieder in den protestantischen Gottesdienst gelangten und dort liturgische Verwendung fanden), die die Vorbeter auf der Straße hörten und, in dem Bestreben, ihren Gesang mit Neuem zu schmücken, zu Gehör brachten. Einen Beweis dafür erblickt Schönberg in dem Umstande, daß vielfach nur die Er- Öffnungsphrase des Volksliedes zur Verwendung kam, die weitere Kantillation jedoch in freier Weise fortgeführt wurde (z. B. bei Moos zur). Das läßt sich eben nur daraus erklären, daß die Melodie aus nichtfixierter Quelle, also durch gelegentliches Hören auf der Straße, bei Volksfesten u. dgl., übernommen wurde. — Wenn aber Schönberg meint, daß die Chasanim jener Zeit sich später aus gedruckten Musikwerken informierten, so ist das ein kühner und sehr abwegiger Optimismus. — Die ״arabesken, barocken Verzierungsformen“ spricht Verf. mit Unrecht der Haydnnachfolge zu; gerade diese hat sich (durch Sulzer) im Gegenteil: reinigend, vereinfachend, schlichtend auf die traditionelle Melodik ausgewirkt. Für uns in Hamburg sind diese Untersuchungen und ihre Ergebnisse