Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 507 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829935-2829942-2833682--47281-2833768- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
507 R. mit Krochmal selbst. Krochmal gehört zu den Persönlichkeiten, die sich durch ihr Leben und durch den persönlichen Verkehr mit ihren Zeitgenossen weit mehr ausgewirkt haben, als durch ihre literarische Tätigkeit. Er hatte seine täglichen Zusammenkünfte mit der wißbegierigen Jugend zwischen den Gebirgen Zolkiews. .Sein Haus w׳ar jedem offen, der sich für Wissenschaftliehe Fragen und Probleme interessiert hat. Was die Aufklärungsarbeit Krochmals für seine Zeit bedeutete und welche nachhaltige Wirkungen sie mittelbar und unmittelbar auf die Nachwelt ausgeübt hat, darüber gibt R. erschöpfenden Aufschluß, indem er das erreichbare Material zu einem einheitlichen Lebensbilde verarbeitet. Man gewinnt einen Einblick in eine der bewegtesten Perioden religiöser Strömungen und wissenschaftlicher Be- Strebungen. Krochmal war so recht die geeignete Gestalt, die in den *Mittelpunkt'.des Zeitbildes hineinpaßte. Sein historisch geschulter Blick ließ ihn den Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart erkennen und diese Erkenntnis bildet einen Grundzug seines Schaffens und Wirkens. Die Intoleranz seiner Umgebung bekämpfte Krochmal durch Sanftmut und Leut- Seligkeit. Diese seine Eigenschaft hatte auch zur Folge, daß seine Aufklärungsarbeit viel weiter und nachhaltiger ausstrahlen konnte als manche seiner eifrigeren Zeitgenossen. Er wollte keine Brücke hinter sich abbrechen. So mitteilsam Krochmal im mündlichen Verkehr war, so sparsam war er mit dem geschriebenen Wort. Zum Schreiben war er nur schwer zu bewegen. Für sich mag* er wohl manche Notizen,gemacht haben, aber in die Oeffentlichkeit wollte er nicht hinaus. Sein Hauptwerk ist erst in den letzten Jahren seines Lebens fertig geworden. Die späteren Teile desselben sind unvollständig geblieben. Zunz, der mit der Herausgabe seiner Werke betraut worden ist, hat seinen Auftrag auf dieses eine Werk beschränkt. Zu bedauern ist es allerdings, daß außer dem More nebuche ha-zeman alle anderen Schriften Krochmals verloren gegangen sind, aber Zunz kann daraus kein besonderer Vorwurf gemacht werden. Heute interessiert uns freilich jede Zeile, die Krochmal geschrieben hat, Zunz konnte aber nur das dem Druck anvertrauen, was ■wenigstens teilweise einen zusammenhängenden Gedankengang zeigte, zumal es auch dem Willen des Verstorbenen nicht entsprach, beiläufig liingeworfene Notizen und Fragmente der Osffentlichkeit vorzulegen. Anders steht es jetzt, 86 Jahre nach dem Tode des Verfassers. Krochmals Größe als Vorkämpfer einer Zeit, die ins Zeichen jüdischer Aufklärung und jüdischer Wissenschaft getreten ist, tritt immer deutlicher zutage, und jede von ihm geschriebene Zeile hätte heute ihren eignen Wert. Wenn aber jemand Schuld daran trägt, daß auf uns nichts mehr von Nachm an Krochmals geistigem Erbe gekommen ist, als bloß das, was schon Zunz aus dem schriftlichen Nachlaß ausgewählt hat, so ist es der russische Soldat, der während der Belagerung Brodys die dort verborgenen Schriften Krochmals verheizt hat. Im übrigen hatte Zunz im Verein mit den Freunden Krochmals die Schriften geordnet. Ich halte aber den harten Vorwurf r.s aucli in der Mehrzahl .חטאם הגדול שאין לו כפרה הוא דבר זה, שדנו לגניזה הדבד מדברי:רנ״ק וכד schon deshalb nicht für gerechtfertigt, weil das handschriftliche Material mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen der ersten Auflage noch vorhanden war. Bloß am geeigneten Bearbeiter fehlte es und an der Intensität des Interesses. Dem Mangel an Interesse für persönliche Beziehungen und Intimitäten ist es auch zuzuschreiben, daß wir kein Bild des Verfassers besitzen. Das Faksimile seiner Unterschrift haben wir einem Mietsvertrag zu verdanken. Zum Schluß möchte ich noch hervorheben, daß sieb R. auch in der Einleitung mit dem System Krochmals beschäftigt. Mit besonderer Bestimmtheit hebt er die Einseitigkeit hervor, die in der allgemein verbreiteten Annahme liegt, daß Krochmal ein Hegelianer sei. Eine Zusammenstellung und Erklärung der von Krochmal gebildeten hebräischen Fachausdrücke dürfte das Verständnis-seines More in manchen Stücken erleichtern. Nützlich ist auch das zum Schluß des Bandes beigefügte Sachregister. Dazu kommt noch die typographisch vorzügliche Ausstattung und die sorgfältige Korrektur. Wir haben allen Grund, anzunehmen, daß Krochmal, gerade durch die Vorzüglichkeit der neuen Ausgabe, zu den Autoren gehören wird, die nicht nur bewundert und anerkannt, sondern auch fleißig gelesen werden, fleißiger; als dies bisher der Fall war■״.■ M. Guttmann.