Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Erinnerungen an Manuel Joel
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 320 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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320 heit verstellend sich nahe zu bringen, hieß ihn auch für die Zukunft Gegensätze versöhnlich ausgleichen, weitete ihn zuletzt zum philosophischen als synthetischen Geist und bildete ihn selbst zum harmonischen Charakter. Aus bejahendem, vertrauenden Geist quoll sein Glauben wie sein Denken und darum gab es in ihm zwischen beiden, zwischen Herz und Kopf, nicht jenen Zwiespalt, der den Zeitgeist in so laute Extreme zerriß. In einer Zeit, die da schwankte zwischen konventionellem oder romantischem Traditionalismus und dem ,,neuen Glauben‘' oder Unglauben eines David Friedrich Strauß und schon eines Hackel, in dieser Zeit, in der Manuel Joel selbst verdiente Führer des jüdischen Gemeindelebens innerlich ungläubig fand, stellte er selber in seiner Person eine lebendige Verbindung jüdischen Glaubens mit wissenschaftlich bewußter moderner Kultur dar, und so durfte gerade die Vereinigung des Predigers und des Gelehrten in ihm, dieses Priestertum eines ,,Weisen,“ dem Judentum zum Segen gereichen. War es doch damals, als zur Rettung vor dem vorherrschenden Unglauben der Protestantismus sich auf die sozialpraktische, ja sozialpolitische Mission warf, wie der Katholizismus auf die Erneuerung der Hierarchie im Unfehlbarkeitsdogma, in seinem inneren Halt am meisten bedroht, wenn nicht Persönlichkeiten wie Manuel Joel als Retter des Alten im Neuen auf die Schanze traten. Er selber war weit davon entfernt, sich für einen großen Mann zu halten; aber ob nicht etwas von jenem Kennzeichen, das er diesem gab, von der Vereinigung für unvereinbar geltender Eigenschäften, ihm selber innewohnte? Als Nahestehender habe ich zuletzt kein Recht ihn einzuschätzen; aber wenn ich den Gesamteindruck meiner Erfahrungen bekennen darf: es war mir auf meinem Lebensweg beschieden, so manchem bedeutenden Mann nahe zu kommen, aber kaum einem, dem gleich ihm die geistige Bedeutung so unmittelbar aufgeprägt war, so anspruchslos anhing, der wie er so natürlich, so naiv in einer Atmosphäre von Geist atmete, so ungewollt, ungemacht eine innere Würde zur Schau trug als harmonisches Maß. Er brauchte nicht erst von seinem philosophischen Lehrer Trendelenburg, dem Erneuerer des Aristoteles, dessen Lehre zu vernehmen, daß die Tugend die Mitte zwischen Extremen sei; er trug in einer Zeit, die teils im nüchternen Materialismus am Boden kroch, teils im hohen und hohlen Pathos ausschweifte, jene klassische Tugend der Mitte, jene reife Besonnenheit in sich, die ohne Zwang der Gegensätze Herr wird, die fest auf der Erde stehend sich doch von höherer Macht erhalten und erhoben fühlt, jenes Ethos, das sein Leben, sein Denken, sein Glauben als verbindende Kraft durchdrang und das unserer wirr suchenden Zeit wieder so dringend nottut. Joel als Semmarlehrer und seine Wahl zum Rabbiner in Breslau. Von A. Eckstein in Bamberg. Das 10 jährige Lehren und Wirken M. Joels am jüd.-theologischen, Seminar zu Breslau (1854—1864) bedeutete in seinem Leben gleichsam die Frühlingszeit, in der seine große Begabung zu