Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Erinnerungen an Manuel Joel
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 318 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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318 Seminararbeit eine gar radikale antikantische Evolutionslehre verfocht zum Entsetzen des Professors, nahm Manuel Joel die von diesem ihm ausgesprochenen Befürchtungen über meine Zukunft gelassen hin und sah in meiner damaligen Richtung nur ein vorübergehendes Entwicklüngsstadium. Und er hat Recht behalten. Damals aber hat er mir kein Wort darüber gesagt und auf meinen Standpunkt keinerlei Einfluß zu nehmen gesucht, sondern mich ruhig vertrauend gewähren lassen; nur wenn ich etwa im Uebereifer des Gesprächs Eant als Feind der damals alleinseligmachenden Erfahrung anklägte, zeigte er mir Stellen bei Kant, die das Gegenteil bewiesen, und wenn der jugendliche Schwärmer im damaligen Streit um Richard Wagner gar zu eifrig Partei ergriff, wies er darauf hin, daß Kant auch die ästhetischen Urteile nicht, als bloße Partei- und Geschmackssache gelten ließ, sondern in der allgemeinen Urteilskraft des ־Menschen begründet fand. Ueberhaupt Kant! Im Vorwort der ,,religiös-philosophischen Zeitfragen/' die er mir gegenüber einmal als seine beste Schrift be~ zeichnete, bekennt er, noch auf dem Standpunkt des alten Kant zu stehen. Noch? Er ging da 1876 vielmehr als einer der Frühesten und auf seinem Eigenweg zu Kant zurück, noch bevor der Neukantianismus sich zur breitesten und blühendsten Richtung der deutschen Universitätsphilosophie auswuchs. Doch hieß dies Kantianisieren nicht wieder ein Parteinehmen? Aber es bleibt gerade das Auszeichnende Kants, daß er einen Ausgleich suchte zwischen den Denkrichtungen, einen Ausgleich auch gerade zwischen Wissen und Glauben, denen beiden er ihr Recht wies und ihre Sphäre freigab. So hat sich in Manuel Joel jenes bedeutsame Band wieder bestärkt und befestigt, das den kantischen und den jüdischen Geist verknüpft als Geist des männlichen Ethos, dem die Befreiung zur Gesetzlichkeit führt, dem die Gerechtigkeit vorleuchtet zur Einheit mit der Frömmigkeit und der Humanität und dem jedermann ohne Ansehen der Person zum Recht, zur Erfüllung des praktischen Gebots und zur Heiligung des Willens berufen ist, Ich denke an das Letzte, das ich einst von dem in Liebe verehrten Mann vernahm und das mir als dauerndes Bild seines kantischen Charakters vor Augen steht: totkrank schon hat er sich noch einmal in den Talar gezwungen und steht da, den ihn zurückhaltenden Bitten der Angehörigen tiefernst und stumm abwinkend, weil die Pflicht ruft, die heilige. Im Philosophen der Pflicht aber, wieder in Kant, konnte jüdischer Geist sich am ehesten wiederfinden. Es war ja nicht Zufall, daß schon der werdende Kant durch zwei ihm befreundete Juden, durch Moses Mendelssohn und Markus Herz, mit dem herrschenden Berliner Zeitgeist in Fühlung stand, daß ein Bendavid dort sein erster Verkünder ward, ein Maimon sein erster Fortsetzer und schließlich ein Hermann Cohen der bedeutendste Bahnbrecher und systematische Ausbildner des Neukantianismus. Mit Achtung sprach mir Hermann Cohen von dem Gelehrten Manuel Joel, der ja als solcher nicht nur in jüdischen Kreisen geschätzt ward. Als ich an die Basler Universität kam, ward ich sogleich von philosophischen und noch mehr von theologischen Kollegen auf seine Schriften hin angesprochen, und ich sehe noch,