Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 2
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 135 (sequence 2)
- Language
- German
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135 als ja der Aufruf aus Offenbach und Düsseldorf gekommen ist. Vielmehr wurde auch von österreichischer wie von preußischer Seite darin wie in allem zu dieser Zeit ein Mittel der allgemein revolutionären jakobinischen Propaganda gewittert. S. 105 ff. wäre unbedingt das Fischhofprojekt für den jüdischen Ackerbauverein in Galizien heranzuziehen; die Unterlassung ist um so auffälliger, als Verf. selbst die Fischhofbiographie von R. Charmatz, wo dieses enthalten ist, an anderer Stelle (S. 12ל f.) anführt. Auch ist der Nachweis des Anteiles der Juden an der galizischen Revolution des Jahres 1846 (S. 261 ff.) doch nur höchstens für Krakau, das ja damals noch eine selbständige Republik war, als gelungen zu betrachten. Zum Schluß sei jedoch nochmals betont, daß die Arbeit im ganzen eine wertvolle Bereicherung der Erkenntnis der jüdischen Geschichte des 19. Jahrhunderts zweifelsohne bedeutet. Die zweite Schrift, die in einen darstellenden Teil (S. 9—160) und einen Urkundenteil (S. 160—232) zerfällt, schildert den Anteil der Juden an dem Aufstand vom Jahre 1863, allerdings nur in einem der sieben Abschnitte (S. 121 ff.). Um so ausführlicher wird die Vorgeschichte des Aufstandes behandelt. Nach einer kurzen Darstellung des Zustandes der polnischen Judenheit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie des Verhältnisses der polnischen Gesellschaft zu den Juden, werden die Vorgänge der sechziger Jahre, die zur großen demonstrativen polnisch-jüdischen Verbrüderung und zu den Reformen des Marquis Wielopolski geführt haben, eingehend geschildert. Verf. legt seiner Darstellung sowohl alle gedruckten, insbesondere polnischen Quellen, als auch eine große Anzahl in österreichischen Archiven geborgener Dokumente zugrunde. Daß das Bild trotz dieser Heranziehung aller verfügbaren Quellen doch nicht als vollkommen abgerundet gelten kann, kommt wohl in erster Reihe daher, daß der Zusammenhang mit der Geschichte der Polen einerseits und mit der politischen Entwickelung der Judenheit im allgemeinen in dieser Zeit zu wenig berücksichtigt wird. Die kurzen Andeutungen über den ,,Utilitarismus“, der die etwaige judenfreundliche Politik bestimmte, im Gegensatz zum realen Leben, das die Polen zu Judenfeinden machte (vergl. S21 .״ ff. sowie Aus zwei Jahrhunderten S. 1 ff.), enthalten nicht nur an sich einen terminologisch nicht zu rechtfertigenden Gegensatz, sondern genügen auch bei weitem nicht, um die inneren Wandlungen in der Judenpolitik Polens im 19. Jahrhundert zu erklären. Wenn schon die Tendenz des modernen Staates mit immanenter Notwendigkeit auf die Gleichberechtigung der Juden drängte, ■so war dies bei der äußerst links demokratisch gerichteten Nationalbewegung der Polen, die ja lange hindurch die Lehrmeister für Ungarn, Italiener und Deutsche, das heißt für alle nicht national staatlich selbständigen oder geeinigten Völker waren, in noch höherem Maße der Fall. Wenn z. B. die Schrift Lelewels ,,Sprawa fydowska w roku 1859“ kurz abgetan wird (S. 25 ff.), während eine heute harmlos erscheinende und nur damals angesichts der liberalistischen Verbrüderung aufregende kurze Zeitungsnachricht über einen Konzertbesuch breit geschildert wird (S. 23 f.), so kann man den Ideengängen der ganzen Nationalbewegung nicht gerecht werden. Im einzelnen wäre vielleicht noch auf die Nichtübereinstimmung der verschiedenen Quellen über die Anzahl der polnischen Juden in den Jahren 1856-5759-61־ (S. 13 Anm. 1) hinzuweisen. Auch dürften die Wohnbeschränkungen in Warschau (S. 17) nicht so arg gewesen sein, wenn sich nichtdestoweniger 80 000 Juden dort um diese Zeit angesiedelt hatten. Ob die ,,riesigen“ Steuern einen wirklich so nachteiligen Einfluß auf die wirtschaftliche Lage der Juden im Lande ausgeübt haben (S. 17), muß angesichts des Umstandes, daß sie nur einen Rubel per Kopf der jüdischen Bevölkerung ausgemacht haben, sehr fraglich erscheinen. Auch kommen so wesentliche Dinge, wie die politischen Rechte der Juden und insbesondere die Zulassung zu den Staatsämtern einerseits und die Verpflichtung zum Militärdienst andererseits im Rahmen der Wielopolskischen Reformgesetzgebung mit den kurzen Andeutungen (S. 101 und 106) viel zu kurz. Bei alledem hebt sich diese Arbeit von den anderen Darstellungen der politischen Geschichte der Juden in Polen zu ihrem Vorteile ab und bedeutet jedenfalls einen erheblichen Fortschritt in der Erkenntnis einer wichtigen Periode im Leben dieses größten Judenzentrums der Welt. S. Baron.