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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1925-01-01 · Heft 7 · p. Seite 454

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
69 (1925)
Issue
Heft 7
Article
[Rezension]
Date
1925-01-01
Page
Seite 454 (sequence 2)
Language
German
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454 so auch die mittelalterliche Geschichtsschreibung Situationen frei erfand bezw. aus Vorlagen übernahm. Die Schilderung von Kampfszenen oder die übliche Einflechtung von Reden, von denen der Autor nach Lage der Dinge nichts wissen konnte, sind ja allgemein bekannt. Aber die Ursachen dieser Beeinflussung sind uns klar, ihre Quellen oft zugänglich. Wenn Barac aus byzantinischen Historikern seine Parallelen gebracht hätte, so wäre das bei den allgemein bekannten Kulturbeziehungen zwischen Rußland und Byzanz nicht auffällig gewesen. Wenn der Verfasser aber mit einer so überraschenden Hypothese auftritt, dann muß diese erst reichlich im Feuer der Kritik ihre Probe bestanden haben. Barac hat nun schon im Jahre 1907 in der Zeitschrift ,,Ukraina<c einen (russ. geschriebenen) Artikel ,,Ueber bibl.-haggaddistische Elemente in den Berichten und Erzählungen der russischen Ürchronik“ veröffentlicht, und 1910 folgten (in Kiev, russ.) die ,, Biblis ch-haggaddistis che n Parallelen zu den Chronikerzählungen vom hlg. Vladimir“. Die Titel schon geben den Grundgedanken des Verfassers, wie ich ihn eben skizziert habe. Die gleiche literarische Tendenz atmet nun auch die erwähnte Schrift über die russischer! Verträge. Weder Jagiö noch Salomon haben hier aber den. Nachweis einer Beeinflussung der altrussischen Darstellung durch das hebräische Schrifttum als von Barac auch nur im geringsten erbracht anerkennen können. Der energische Einspruch der Kritik gegen diese seine Hypothese hat den Verfasser aber nicht abgehalten, in einer neuen (russ.) Schrift (Kiev 1913) den gleichen Gedaiikengang unbeirrt weiter zu verfolgen. Ich habe dieses, mithin schon in seinen Grundlagen verfehlte Werk, welches den Titel führt: ״DieJHerkunft der Chronikerzählung vom Anfänge Rußlands“, im ,,Archiv f. slav. Philologie“ XXXVI (1916) S. 524 ff. eingehend besprochen und auch die Quellen gekennzeichnet, auf die angeblich der russ. Bericht zurückgeht. Ich möchte daraus aber doch wenigstens ein Beispiel anführen. Die in der älteren Chronistik beliebte Uebersicht über die Genesis der Völker ist auch in der russischen Nestorchronik enthalten. Da nun aber Barac ein ausgesprochener Gegner der sog. ,,normannistischen“ Hypothese ist, nach welcher die Gründung des russ. Staates auf die skandinavischen, also germanischen Varäger zurückgeht, sucht er in diese chronistische Ueberlieferung eine Unterscheidung von Varägam und Russen hinein zu interpretieren. Sein starkes nationalrussisches Empfinden nimmt eben an der normannistischen Hypothese, wie das bei vielen russischen Gelehrten der Fall ist, zu starken Anstoß. Seinem heißen patriotischen Bemühen gelingt es auch schließlich in der Völkertafel unter Anwendung seiner oben gekennzeichneten textkritischen Kapriolen einen Unterschied zwischen Varägern und Russen ״nachzuweisen“, wobei er freilich auf die, natürlich hebräischen Quellen der russischen Völkertafel zurückgehen muß. Diese Quellen sind ihm — Josippon und daneben Sepher-ha-Jasar. Wenn man nun aber bedenkt, daß in der Völkertafel für Josippon gerade auch byzantinische Quellen, angenommen werden, so ist es nach Lage der Dinge doch von vornherein äußerst befremdlich, daß der russische Autor den Umweg über den Josippon genommen haben sollte. $ Jede Kritik der Barac’schen Schriften muß seine Belesenheit, seine Kombinationsgabe anerkennen. Es mischt sich aber auch darein das Bedauern, daß so viel Fleiß und haarspaltender Scharfsinn auf eine, bei unbefangener Ueberlegung, von vornherein aussichtslose Annahme verschwendet worden ist. Das gleiche gilt nun auch für das vorliegende neue Werk des Verfassers. Es erübrigt sich nach den gegebenen Ausführungen völlig, auf das Buch näher einzugehen. - Mit den gleichen Grundsätzen selbstherrlicher Kleinkritik und nach demselben unnachgiebigen Festhalten am hebräischen Einflüsse (vergl. z. B. S. 50 ff.) geht Barac auch hier vor. Auf Einzelheiten dieses neuen Buches einzügehen empfiehlt sich auch schon deswegen nicht, weil manchmal die Kritik eine zurückweisende Schärfe annehmen müßte, die dem Andenken des Verstorbenen und namentlich der Pietät seiner Kinder besser erspart bleibt. Das Gesamturteil über die wissenschaftlichen Versuche des Verfassers kann nur das tiefste Bedauern ausdrücken über die Tragik eines der Wissenschaftliehen Erkenntnis geweihten Lebens, welches einen völlig unhaltbaren Posten mit mannhaftem Mute, unbeirrt von aller gegnerischen Kritik, leider auch unbelehrbar, bis zuletzt zu verteidigen bemüht war. Breslau. Erdmann Hanisch.

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