Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
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114 wird, an der Hand der Quellen als einseitig oder als völlig verkehrt zurückzuweisen. Und da diese Angriffe durchaus nicht nur unsere Rechtsstellung bedrohen, sondern nur zu häufig in den eigenen Reihen den Glauben an die Wahrheit und das Daseinsrecht des Judentums gefährden, ist das Buch als eine höchst dankenswerte Leistung zu bezeichnen. Ueberdies ist anzuerkennen, daß der Preis für jeden der vier Bände (für Mitglieder der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums broschiert M. 1,50, in Leinenband M. 2,50, in Kaliko M. 3,00) bei fast fehlerlosem Druck1 und vorzüglicher Ausstattung äußerst niedrig bemessen ist. Es steht daher zu hoffen, daß das Buch, dessen erste beiden Bände bereits in zweiter Auflage vorliegen, in jedem jüdischen Hause Eingang findet. Aber auch zur Verbreitung in christlichen Kreisen, insbesondere in Volksbüchereien, ist es durchaus geeignet. Es tut dem Gesamturteil keinen Eintrag, wenn ab und zu Zitate fehlen, die man, ohne Vollständigkeit zu beanspruchen, doch gern gesehen hätte. So sind offenbar Phiions Bücher über die Einzelgesetze nicht ausreichend durchgearbeitet; sonst würden Band I S. 64 Zitate über Mäßigkeit, II 74 solche über Keuschheit aus diesem Schriftsteller nicht völlig fehlen (vgl. Einzelgesetze IV 79 ff., III 8). IV 57 vermißt man die ganze Polemik der Midraschim gegen den persischen Dualismus. Aus den späteren Büchern von Bachjas Herzenspflichten wäre manches über Innerlichkeit und Wahrhaftigkeit nachzutragen. Im Mischne Thora finden sich manche prächtige Stellen gerade da, wo man sie nicht erwartet; sie scheinen meist nicht aufgenommen zu sein; ich erinnere nur an die wundervollen Worte über die währe Purimfreude (H. Meg. 2,17): ״Es gibt keine herrlichere Freude als das Herz der Armen, Witwen, Waisen und Fremden zu erfreuen; denn wer das Herz der Armen er/reut, gleicht Gott, von dem es heißt: aufleben zu lassen den Geist der Niedrigen“. Schöner ist wohl nie über die Wohltätigkeit gesprochen worden, — Auf den Nachweis der neueren Literatur haben die Herausgeber mit Recht und mit großem Erfolg Gewicht gelegt. Zu dem Thema ״Auge um Auge“ hätte (II 230) auf die Arbeit von Jacob Horovitz in der Cohen-Festschrift Judaica 609 ff, verwiesen werden können. Treffliches über die Bedeutung der jüdischen Sittlichkeitsgesetzgebung bietet der auf die Juden bezügliche Abschnitt bei Marianne Weber, Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung (1907). Noch wünschenswerter als einzelne kleine Ergänzungen wäre die Durchsicht mancher Einleitungen. Hier geht nicht ganz selten apologetischer Eifer über die Grenzen hinaus, die durch die Gerechtigkeit gezogen sind. Es liegt mindestens arge Unkenntnis der hellenistischen Ethik vor, wenn II 200 ohne Einschränkung behauptet wird, die Ethik des klassischen Altertums sei ״egoistisch orientiert“ gewesen. Es ist auch nicht richtig, daß es im Judentum, wie III 22 gesagt wird, nie den Begriff der ״Mißheirat“ gegeben hätte; vgl. D. Hoffmann, Der oberste Gerichtshof S. 27 f. Immerhin handelt es sich um Ausnahmen; die meisten Einleitungen gehen auch an dem auf den ersten Blick Anstößigen nicht vorbei; so versucht z. B. Bäck durch die Unterscheidung zwischen Odysseus, der sein Leben lang bei der List bleibt, und Jakob, der sich zur Wahrheit emporringt (II 9), die Stellung der Bibel zur Wahrhaftigkeit — mit Wahrhaftigkeit darzustellen. Also nochmals: seinen apologetischen Hauptzweck erfüllt das Werk nahezu vollkommen. Es wird aber sicher versucht werdendes nicht nur zur Abwehr, sondern auch zur positiven Kennzeichnung jüdischer Frömmigkeit zu verwenden. Ich habe sogar einmal den Versuch eines Lehrers, einen Cento von Bibelstellen unseres Sammelwerks in Kinder hineinzukatechisieren, leidend miterfahren. Auch die Herausgeber selbst erheben in gewissem Sinne den Anspruch, zu zeigen, ״was das Judentum lehrt und wie es lehrt“. Dem gegenüber muß doch betont werden, daß das Bild, welches man aus dem Buche von jüdischer Lebensanschauung erhält, weder vollständig ist, noch vollständig sein kann — eben weil es, wie sein Hauptzweck es erfordert, das apologetische Interesse stets im Äuge behält. 1 Ein Druckfehler findet sich in Band IV, S. 108 (Philo lebte ״um 30 v. d. g. Z.“). Die falsche Uebersetzung des Titels vonSaadias philosophischem Hauptwerk (ebd. S. 168) ist gleichfalls zu berichtigen.