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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 4 · p. Seite 266

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 4
Article
Zur philosophischen Charakteristik Wilhelm Jerusalems
Date
1924-01-01
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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266 Kantischen •'Philosophie entscheidende Erkenntnisproblem biologisch fassen, ja er gebraucht selbst in seiner ,,Einleitung in die Philosophie" den Terminus der ״biologischen Erkenntnistheorie'״. Damit berührte er sich' mit dem hauptsächlich durch den ameri- Icanischen Psychologen J a m e s vertretenen sogenannten ,,Pragmatismus", den er selbst durch die Uebersetzung des ebenso betitelten Werkes verbreiten half. So wertvoll an sich der entwicklungs-; geschichtliche Gesichtspunkt in bezug auf das Werden des menschliehen Wissens, ja auch in bezug auf die Verfeinerung der Wahrheitsfunktion ist, so ־wird doch das Grundproblem durch einen solchen Gesichtspunkt auf ein Nebengeleise abgelenkt. Noch mehr gilt dies für die־ bloß in der historischen Tatsächlichkeit der gesellschaftlichen Zusammenhänge begründete, in dieser Form namentlich von französischen Soziologen ausgebildete soziale Ethik. Man könnte jenen auf der Nützlichkeit begründeten Wahrheitsbegriff des Pragmatismus (der ja in gewisser Beziehung sich mit dem Mach'schen Standpunkt deckt) gewissermaßen als Surrogat der Wahrheit, die nur ,,soziale" Ethik als Surrogat der Religion bezeichnen. Freilich können die persönlichen Motive dieser Verflachungen doch auch in: tiefen Impulsen liegen. Denn es gehört wohl zu der in dieser Philosophie nachklingenden Charakteristik des naturwissenschaftlichen Zeitalters, daß seine;produktiven Kräfte, zumindest auf wissenschaftlichem und zivilisatorisch-technischem Gebiete, auf der materia- Hstischen Seite zu suchen sind. Gerade die selbstherrlich-spekulativen Richtungen der ,deutschen Philosophie waren brüchig geworden und die letzte Konsequenz des Kantischen Kritizismus bildete das . Gespenst des Solipsismus. Hingegen schien der platte Scheinbegriff der ,,nützlichen" Wahrheit, der nur an der äußeren Erfahrung sein prinzipielles Kriterium hat, für die Zwecke des Lehens ausreichend, ja er schien insofern sogar wirklicher als der starre Begriff der spekulativen -Philosophie, als er dem Entstehen neuer Wahrheit durch eigene Tätigkeit Raum; gehen konnte1. Und die soziale Ethik, wenn innerlich erfaßt, führte ja auch von der Starrheit des bloß formalen kategorischen Imperativs zur Lebendigkeit positiver Wirkensziele. : Sicherlich hängt auch Jerusalems denkerische Schranke mit einem starken Willensimpuls zusammen, der in der pathetischen Erscheinung seiner Persönlichkeit gewissermaßen rein zutage trat. Und als geistige Manifestation dieser tieferen Schicht seines Wesens, der ja äußerlich seine. biologische Einstellung widersprach, ist der ihm eigene ,,Klassizismus" zu verstehen, der sich in harmonischer Weise an die deutschen, die griechischen Klassiker und an die Bibel anlehnte. •Zitate aus Schiller, griechischen Dichtern und den Psalmen begleiteten fast jede seiner Vorlesungen oder Veröffentlichungen. Fast scheint es, als ob ihn die klassizistischen Weltanschauungen weniger in ihren Gedankeninhalten als in ihren seelischen Grund- Stimmungen ergriffen hätten. 1 Siehe hierzu James': Per Pragmatismus, S. 125 ff. und ״Der Wille zum Glauben“* Der äußerlichs-realistische Charakter des Jamesschen Wahrheitsbegriffs scheint mir im allgemeinen am richtigsten in seinem Ausspruch charakterisiert r ״Wahrheit ist die Punktion unserer Urteile, die inmitten der Tatsachen entsteht und endet■.“

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