Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 2)
- Language
- German
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260 der Antisemitismus seine Behauptungen stützt“. Das Verstehen■■ des. sozialere־ Geschehens schließt immer vorgefaßte Ansichten in sich. Es ist weiterhin zu bedenken, daß bei jeder einzelnen Beobachtung neben• dem empirischen Material Gedächtnisreste, allgemeine Ueberzeugangen eine Rolle spielen, die die Erfahrung umdeuten.! Besteht aber einmal der Antisemitismus, so muß er in der Richtung wirken, daß er die Juden der ihm. zugrunde* liegenden Anschauung angleicht: Verachtung schafft verachtungswürdige; Charaktere. Von den drei. Möglichkeiten :^innere Berechtigung des Antisemitismus* Vorurteil, Instinkt, weist der Verfasser die erste und letzte also zurück; wenn er dies auch der zweiten gegenüber getan hat, so geschah dies zu Unrecht* denn er weist selbst nach, daß es sich bei dem Antisemitismus um eine ,,Vor- Einstellung“, was aber wohl gleichbedeutend mit ,,Vorurteil“ ist, handelt* Es scheint mir ein Widerspruch zu sein, wenn der Verf. im Anfang der Untersuchung die. Berechtigung der Vorwürfe des Antisemitismus ausdrücklich, ablehnt, und wenn er zum Schluß schreibt, das Verstehen sozialer Erscheinungen, auf Grund vorgefaßter Meinungen müsse deshalb noch kein falsches Verstehen sein. Der Verf. zeigt, daß heim Antisemitismus ein soziales A priori (es wäre auch dieser Begriff noch näher zu untersuchen) mitspricht; wie dieses aber zustande kommt, begründet er nicht näher, und doch scheint mir hier eine der wesentlichsten Aufgaben zu liegen. Trotz dieser Mängel verdient dm Arbeit des Verf. volle Beachtung, sie geht ungleich tiefer als die meisten Schriften der Rassetheoretiker. Erich Stern, Gießen. Franz Rosenzweig; Der Stern der Erlösung 1921. Kauffmann, Verlag״ Frankfurt a. Main, 532 Seiten. Den Tiefsinn dieses merkwürdigen Buches in einer Besprechung auszuschöpfen, ja, auch nur die Fülle seiner Gedanken anzudeuten, geht nicht an״ In Rosenzweig ist die schöpferische und bildhafte Kraft der Mystik zugleich mit einer Fähigkeit zum spekulativ begrifflichen Denken lebendig, wie sie seit dem Abfluten der klassischen deutschen Philosophieepoche wohl nur noch; wenige Köpfe besitzen. Die seltene Mischung dieser Begabung läßt ihn sein־ religiöses Weltbild in die Sprache des späten Schelling kleiden, in eine Philosophie also, die wieder Mythos wird, in Mythos, der nach dialektischer Formulierung drängt. Es ist zugleich ein Stück zeitbedingte ,,Philosophie des Lebens“״ aber sehr weit ab von allem modischen Irrationalismus, die aus einer letzten Tiefe zur Anknüpfung an die spät-Schellingsche Philosophie hindrängt. Philosophie sei bisher die Wissenschaft vom All gewesen, das den Inbegriff des. Denkbaren, Durchschaubaren und gegenständlich Faßbaren bedeute (im. Hegelschen Panlogismus auf ihren Gipfelpunkt gehoben). Aber die Individualität, das Dasein und Sosein entziehen sich immer wieder dieser logischen Bemächtigung, und so müsse vom Menschen als Gegenstand der Ethik, von der Welt als Gegenstand der Logik und von Gott als Gegenstand der Physik der Uebergang zur Metaphysik, Metalogik und Metaethik gefunden werden. ,,Wir suchen nach dem Immerwährenden, das nicht erst des Denkens bedarf, um. zu sein.“ Die Dialektik, in der R. seine Positionen auf dem Umwege über das־ dreifache Nichts gewinnt (wobei Hermann Cohens Nichts des Ursprungs mit. dem philosophischen Irrationalismus verknüpft wird), ist für den philosophisch geschulten Leser schwer zu genießen und müßte dem philosophisch Ungeschulteren völlig unverständlich bleiben. Aber die Intuitionen, auf die* er hinzielt, sind doch deutlich: die freie Tat in Gott, das erscheinende Etwas^ in der Welt, das Selbst im Menschen oder der mythische Gott, die plastische- Welt und der tragische Mensch. In aufleuchtenden Bildern wird deutlich* was er mit dem metaethischen Selbst im Äuge bat, wenn es beißt: ,,Das Selbst überfällt den Menschen eines Tages wie ein gewappneter Mann und nimmt von allem Gut seines Hauses Besitz. Das Selbst ist der einsame Mensch im. härtesten Sinne des Wortes.“ Mit diesen Begriffselementen hat sich R. jedoch erst die Vorbedingungen seiner religiösen Mystik geschaffen (die auch schon, in der heidnischen Welt vorhanden sind), erst durch ,,Schöpfung“, ,,Offenbarung“, ,,Erlösung“ erfüllt er sie zu einer inhaltlichen positiven religiösen Anschauung. In dem Kapitel von der ewigen Ueberwel-t mündet diese aus in der Verklärung des Judentums zum .ewigen Volke, das gerade um seiner