Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension] / Cohn, Willy
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- spine
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223 Theodor Herzls Tagebücher. 3 Bände. Berlin, Jüdischer Verlag, 1923. Mit diesem Werk, das nun abgeschlossen vor uns liegt, ist die jüdische Geschichte um ein gewaltiges Quellenwerk reicher geworden. Es braucht an dieser Stelle natürlich das nicht wiederholt zu werden, was der ,Historiker immer gegen Memoiren einzuwenden hat, daß sie nur den Standpunkt des Verfassers darstellen. Aber dies sind ja keine Memoiren, die apologetisch jahrelang nach den Ereignissen geschrieben wurden, sowie wir dies in den letzten Jahren in Deutschland in beängstigender Fülle erlebten, sondern es sind Aufzeichnungen, die unmittelbar nach dem Erlebnis, meist wohl noch am gleichen Tage gemacht wurden und die darum ihren vollen historischen Wert besitzen. Wir haben hier auch nicht zu würdigen, was die allgemeine Geschichte aus diesem stattlichen Werk von 3 Bänden zu lernen haben wird. — Die Gestalten der entscheidenden Epoche des deutschen Imperialismus treten hier in ein oft ganz neues Licht, um nur einzelnes herauszugreifen: die Reichs־ kan zier Hohenlohe und Bülow, Wilhelm II., der Sultan Abdul Hamid, Plehwe und Korber und viele andere der Staatsmänner und Herrscher einer nun untergegangenen Welt hat Herzl mit knappen, sicheren Strichen des großen Stilisten festgehalten. Kein Historiker, der den Zeitraum .von 1895 bis 1904 darzustellen haben wird, wird an den Tagebüchern des Begründers des politischen Zionismus Vorbeigehen können. Was aber bedeutet dieses Werk für uns, für das Judentum und seine Wissenschaft? Längst hat ja der Zionismus aufgehört, nur eine politische Erscheinung zu sein. Er ist auch ein Stück jüdische Geschichte seihst geworden, die zu erforschen eine wichtige Aufgabe bildet. Welch unendlichen Reiz aber bietet es, angesichts der Tatsache, daß sich heut die Bewegung über die ganze Erde erstreckt, zu sehen, wie sie im Kopfe eines Menschen entstand. Es ist nicht notwendig hier zu zeigen, wie Herzl zum Zionismus kam; aber wenn man die Tagebuchblätter aus jenen entscheidenden Pariser Tagen liest-, hat man das Gefühl, daß ihn dort ein fast prophetischer Geist, ein tiefstes Erleben seiner Seele auf den Weg trieb, den er gehen mußte. Daß es ein Dornenweg war, erkennen wir am Schluß dieser drei .Bände. Die Aehnlichkeit seines ganzen Strebens mit dem Ferdinand Lassalles liegt auf der Hand und ist ja auch schon von anderer Seite betont worden. Ihre Ziele waren verschieden; aber beide trieb die ungeheure Begeisterungsfähigkeit, der Glauben an ihre Sache, beide mußten im Laufe ihres Wirkens erkennen, daß die Massen, die sie riefen, ihnen nicht in dem Maße Gefolgschaft leisteten, wie sie es erwarteten. Der Historiker wird den Völkern daraus kaum einen Vorwurf machen können, denn immer braucht eine Idee eine geraume Zeit bis sie sich durchsetzt, und immer ist es die Tragödie des genialenBahnhrechers, zu zeitig zu kommen. — Eine Bereicherung bedeuten diese Tagebücher auch für die Erkenntnis des jüdischen Menschen des 19. Jahrhunderts mit allen seinen Vorzügen und seinen Schwächen, wie ihn Herzl repräsentiert. Weit verdrängt war in ihm das Jüdische, das dann später mit elementarer Kraft hervorbrach; er ist ein Kind seiner Zeit, er freut sich an äußeren Ehrungen, überlegt sorgfältig, welchen Anzug er zu den verschiedenen Empfängen zu wählen hat und notiert das genau in seinem Tagebuch. — Man muß immer wieder daran denken, daß es doch in jener nun schon abgelaufenen Epoche für einen jüdischen Schriftsteller etwas Außergewöhnliches war, von den damaligen Großen dieser Erde empfangen zu werden, die mit ihm wie mit einem Gleichstehenden, als Macht zu Macht, verhandelten. — Er konnte auf seine Erfolge stolz sein, und man versteht die Aussprüche seines Selbstgefühles, die er anmerkt. Er wußte, daß das, was er schaffte, noch lebendig sein würde, wenn von den Männern, die ihn in den diplomatischen Vertretungen von oben herab behandelten, keiner mehr irgendwie genannt werden würde.— Der nüchterne Referent für eine wissenschaftliche Zeitschrift soll sich von seinem Stoffe nicht fortreißen lassen, aber er muß bekennen, daß es ihm angesichts dieses Werkes schwer fällt, die Tatsache zu verheimlichen, daß die Lektüre der Herzischen Tagebücher zu den größten jüdischen Erlebnissen seines Lebens zählte. — Herzl hat sich ein Monumentum aere perennius errichtet, an dem auch diejenigen mit Andacht Vorbeigehen müssen, die seine Ideen sonst ablehnen. — Breslau. Dr. Willy Cohn.