Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
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91 יי ' Wie aber den Wahrheitsgehalt der Religion, so vernichtet die .heterogenetische Ableitung dem Wahrheitsgehalt alles Geisteslebens. Die Ableitung der Sittlichkeit aus.der Sitte, der Logik aus der Sprache ,macht in gleicher Weise aus, :Erkenntnissen zufällige psychische Gebilde, Auch in der Form der Heterogonie der Zwecke hebt der Naturalismus den,Wahrheitsbegriff und damit seine eigne Wahrheit ‘ auf. Die Religionsgeschichte aber erweist diese heterogenetische •Ableitung der Religion als den Tatsachen widersprechend. 2. j a m es 1. : Wenn Wundt die Eigenart der Religion von der breiten Basis .Völker psychologisch er Untersuchungen aus dem Mythos ableiten zu können glaubte, so gebührt James das Verdienst,, hinwiederum die individualpsychologische Methode zur Grundlage der modernen Religionspsychologie gemacht zu haben. Die Religion wie jede höhere geistige Betätigung. enthüllt erst: in ihren reifen Formen ihre Eigenart und eigentümliche Bestimmtheit. Nicht das Stammeln der Primitiven, sondern die religiöse Erfahrung religiöser Genies ist die vornehmste Quelle religionspsychologischer Erkenntnis. Die entschieden religiöse Persönlichkeit und nicht die .Durchschnittsfrömmigkeit der Alltagsmenschen ist befugt, das. Wesen .der Religion zu bestimmen. Aus dem gleichen Grunde scheiden für eine psychologische Untersuchung des .Wesens der Religion die institutionellen Elemente der Religion aus, in denen wohl religiöse Erfahrungen sich auswirken, die aber nicht mehr, die religiöse Erfahrung selbst sind. So sieht James von allen dogmatischen und kultischen Elementen der Religion ab und wendet sich deriiidividuellen religiösen Erfahrung zu. ,,Religiöses Gefühl“ ist für James n i c h t. ein qualitativ b;esonderes Gefühl, sondern ein Sammelname für die vielen.Gefühle, . die durch religiöse Obj ekte ausgelöst werden können. Es gibt: religiöse Furcht, religiöse Liebe, religiöse. Ehrfurcht, religiöse Freude usw. Aber diese Gefühle sind; die,allgemeinen menschlichen Gefühle nur auf religiöse Obj ekte bezogen’; Demnach bezeichnet J ames als Religion die Gefühle, Handlungen und ־Erfahrungen der einzelnen Menschen, sofern sie sich in Beziehung zu Göttlichem wissen. Die Götter aber sind stets die höchsten und machtvollsten aller Wesen. Sie überragen und umfassen alles, es gibt kein Entrinnen vor ihnen. Was sich auf sie bezieht, ist letzte, höchste Wahrheit, Das Uranfängliche> Umfassendste und Wahrste könnte hiernach als das Göttliche bezeichnet 1werden, und die Religion 1wäre demnach unser Verhalten gegenüber der Urwahrheit. So ist die Religion die; Gesamtrückwirkung eines Menschen aufs Leben. Sie ergibt sich, wenn man den Blick auf die Tiefen des Daseins richtet, w^enn man das.) Gefühl für den ganzen Kosmos ergründet. Doch ist,nicht jede Gesamtrückwirkung auf das Leben Religion. Ironie und Frivolität einerseits und schwermütiges Murren und Klagen andererseits sind nicht religiöse Haltungen dem Leben gegenüber. ״Es muß etwas Feierliches, Ernstes und Zartes 1 W. James: Die religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit (deutsch von G. Wobbermin) Leipzig 1920; Psychologie'1909; Das pluralistische Universum 1914; Pragmatismus 1908.!;