Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 65 (1921)
- Issue
- Heft 5
- Article
- S. M. Dubnows "Neueste Geschichte des jüdischen Volkes"
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 3)
- Language
- German
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202 S. M. Dubnows‘״ ־Neueste Geschichte des jüdischen ‘Volkes״: er öffentliche Meinungen und Stimmungen wiedergibt; wenn er Debatten in Landtagen und Versammlungen schildert, wenn er Gegensätze herausarbeitet wie die zwischen Aschkenasim und Sephardim in Frankreich, zwischen Chassidismus und JRabbinismus in Galizien, zwischen Reformern und Orthodoxen in Deutschland, zwischen Nationalisten und Assimilanten in Polen. Weniger gelingt ihm die psychologische Analyse der Persönlichkeiten. Wenn er auch von dem Einfluß einzelner Menschen auf den Gang der Ereignisse fest überzeugt ist, — das beweist seine Auffassung der Tätigkeit Friedlaenders, Cerf-Berrs, Rießers, Cremieux’ und unzähliger anderer, — so interessieren ihn doch mehr ihre Ideen als ihre Seelen. Rankes Freude an ,,jedem besonderen Leben seiner Natur nach“, fehlt ihm sicherlich. . Dagegen ist er ein Meister in der strengen Gliederung des Stoffes. Er ist freilich mehr Architekt als Künstler. Aber die Art, wie er das inhaltlich weit auseinanderliegende Material in fast mathematischer Einteilung unter einem einheitlichen Gesichtspunkt ordnet, hat etwas Imponierendes und Großes. Wünscht man sich auch manchmal die gleichmäßige Fläche unterbrochen durch farbige Bilder und bunte Formen, wie man sich in der steifen Straße eine! modernen Stadt nach den winkligen Erkern und spitzen Giebeln mittelalterlicher Gäßchen sehnt, so übt auf der andern Seite doch die fast kühle Aufzählung des Tatsächliehen einen eigenen Reiz aus. — Trotz dieser äußeren Ruhe ist Dubnow weit entfernt von ruhiger Objektivität. Er ist zwar nie aggressiv, in seinem Eifer glüht nichts vom Zorn der Propheten, die große rhetorische Geste jüdischer Publizisten besitzt er nicht. Aber es ist doch nicht seine Art, entsagungsvoll hinter seinem Objekt zurückzutreten, um es nur liebevoll zu begreifen. Er richtet stets nach einem festen Prinzip. ־.?